Kategorie: NATO

Übrig bleiben Totenstädte ‒ Die verschleierte Brutalität des Krieges der US-Allianz in Syrien und Irak

Erweiterte und aktualisierte Fassung des Beitrags „Vernichtungskriege …“,  erschien leicht gekürzt und ohne Diagramme in junge Welt vom 15.01.2019, Seite 12 / Thema

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… Die unglaubliche Brutalität der westlichen Politik wird bequem versteckt, vernachlässigt oder vergessen.
… Eine koloniale Mentalität oder Denkweise, die an Rassismus grenzt.
 ( Regime Change: Not Iran Too!, Jan Oberg, TFF, 17.8.2018)

Seit mehr als vier Jahren führt eine von den USA angeführte Allianz aus NATO-Staaten, Australien und arabischen Monarchien in Syrien und im Irak Krieg, ohne dass dieser in der westlichen Öffentlichkeit als solcher wahrgenommen würde. In scharfem Gegensatz dazu wurde das russische Eingreifen an der Seite der syrischen Armee 2015 von Beginn an als brutaler Krieg gegen die gesamte Bevölkerung betroffener Gebiete angeprangert. Dabei standen die unter den Gegnern dominierenden dschihadistischen Gruppen dem »Islamischen Staat« (IS oder arabisch despektierlich »Daesch« abgekürzt), gegen den sich der Krieg der US-Allianz offiziell richtet, an Brutalität und rückständiger Ideologie kaum nach. Continue reading „Übrig bleiben Totenstädte ‒ Die verschleierte Brutalität des Krieges der US-Allianz in Syrien und Irak“

„Raus aus der Nato”

Joachim Guilliard, 30.9.2018  (ungekürzte und unredigierte Version des Artikels in Marxistische Blätter 6_2018)

Darüber, dass die NATO ein Militärbündnis ist, das aufgelöst werden sollte, herrscht in der Friedensbewegung und der Linken weitgehend Einigkeit, auch wenn die Einschätzungen über ihren Charakter und ihre Rolle differieren. Strittig ist jedoch, welchen Stellenwert ein Engagement gegen die transatlantische Allianz einnehmen sollte, auf welchem Weg sie beseitigt werden könnte und welche konkreten Forderungen in Deutschland zu stellen sind. Vor allem für die Aktivisten, die der NATO eine bedeutende Rolle an den aktuellen Kriegen und Krisen beimessen, ist die simple Forderung nach „Auflösung der NATO“ zu unbestimmt. Das Bündnis kennt keinen Mechanismus dafür und es ist nicht zu erwarten, dass die Mitglieder einmal auf einem Gipfel gemeinsam seine Auflösung beschließen werden. Mit dem Hinweis darauf hat ja der schlitzohrige Gregor Gysi dem US-Botschafter signalisiert, dass die Forderung der Linkspartei nach Abschaffung der NATO Washington nicht beunruhigen müsse, da dies ja der Zustimmung der USA oder Großbritanniens bedürfe. Continue reading „„Raus aus der Nato”“

Gegen Kriegsverharmlosung – Opferzahlen bisheriger Kriege des Westens vergegenwärtigen, um neue zu verhindern

Auch im gleichfalls unter UN-Mandat laufenden Afghanistankrieg wurde bisher keine ernsthafte Untersuchung über die Zahl der Opfer durchgeführt. Summiert man die Angaben der UN-Mission in Afghanistan, so liegt die Zahl der Ziviltoten für die bisherigen zwölf Jahre Krieg unter 20.000 – weit weniger als beispielsweise pro Kopf und Jahr in US-Großstädten wie Detroit oder Baltimore Gewalttaten zum Opfer fallen.
Der Krieg gegen den Irak, dessen Beginn sich am 20. März zum elften Mal jährte, stand länger im Fokus der Öffentlichkeit, und eine Reihe von Initiativen bemühte sich, die Zahl seiner Opfer zu erfassen. Repräsentative Umfragen, die Wissenschaftler auf eigene Initiative im besetzten Land durchführten, ergaben, daß bereits Mitte 2006 mehrere Hunderttausend Iraker dem Krieg zum Opfer gefallen waren. Obwohl nach denselben Methoden wie zum Beispiel in der sudanesischen Provinz Darfur durchgeführt, wo die Ergebnisse Basis von UN-Resolutionen gegen den Sudan wurden, wurden ihre Forschungsergebnisse in den westlichen Medien sofort als unglaubwürdig abgetan. Mit durchschlagendem Erfolg: In den Bilanzen zum zehnten Jahrestag des Krieges wurde die Zahl der Kriegstoten auf höchstens 110.000 beziffert. Laut Umfragen geht die Mehrheit der US-Amerikaner und Briten sogar davon aus, daß der Krieg ihres Landes höchstens 10.000 Menschleben gekostet habe.
Um dem Ignorieren und Verharmlosen der Folgen der von westlichen Staaten geführten Kriege etwas entgegenzusetzen, initiierte die deutsche Sektion der IPPNW eine Studie über die Opferzahlen im sogenannten Krieg gegen den Terror. Sie wurde von Lühr Henken, Knut Mellenthin und mir verfaßt, 2012 als Broschüre veröffentlicht und letztes Jahr noch einmal aktualisiert. Sie zeigt, daß der Krieg Afghanistan mit Sicherheit mehr als 100.000 Menschen tötete und belegt, daß die Ergebnisse der auf Umfragen vor Ort beruhenden Mortalitätsstudien durchaus realistisch sind. Im Irak liegt die Zahl der bisherigen Opfer daher mit hoher Wahrscheinlichkeit bei einer Million.
Die von den Medien meist angegebene Zahl beruht auf der Arbeit des britischen „Iraq Body Count“ (IBC). Dieses Projekt versucht die Zahl der Ziviltoten zu bestimmen, indem es alle Fälle, die in renommierten englischsprachigen Medien gemeldet oder anderweitig registriert wurden, sammelt. Bis 2013 wurden so rund 110.000 zivile Opfer erfaßt.
Die statischen Erhebungen, die 2004 und 2006 in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurden, sowie die des britischen Meinungsforschungsinstituts „Opinion Research Business“ (ORB) legten hingegen nahe, daß bereits 2007 eine Million Iraker Krieg und Besatzung zum Opfer gefallen waren. Obwohl renommierte Fachleute auf diesem Gebiet ihnen bescheinigten, nach gängigem wissenschaftlichen Standard verfahren zu sein, reichte vielen Medien allein die große Diskrepanz zwischen der Zahl der beobachteten und der durch Hochrechnung ermittelten Toten aus, um die Ergebnisse der Studien als spekulativ und völlig übertrieben abzutun.
Ein wesentlicher Grund für diese Diskrepanz liegt schon in der Zählweise. Indem sie die Sterblichkeit vor und nach Kriegsbeginn vergleichen, versuchen Mortalitätsstudien die Gesamtzahl der Menschen zu erfassen, die infolge eines Krieges starben. Initiativen wie IBC hingegen zählen als Kriegsopfer nur Zivilisten, die durch kriegsbedingte Gewalt getötet wurden. Damit fallen nicht nur Kombattanten aus dem Statistik, sondern auch alle, die an indirekten Kriegsfolgen, wie mangelnde Gesundheitsversorgung starben. Dies sind jedoch oft mehr, als direkt getötet werden. Ohne genaue Untersuchungen vor Ort, läßt sich zudem weder der Status eines Toten noch die Todesursache zuverlässig feststellen. Die Opfer der NATO-Truppen zum Beispiel werden in deren Pressemitteilungen, auf die sich wiederum die Meldungen westlicher Medien meist stützen, in der Regel alle zu Kombattanten.
In Kriegszeiten kann nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Opfer durch passive Beobachtung erfaßt werden. Mit Stichproben in der über Internet zugänglichen Datenbank des IBCs belegen wir dies in der IPPNW-Broschüre auch für den Irak. Selbst wochenlange Offensiven der US-Armee, mit massiven Luft- und Artillerieangriffen auf ganze Stadtviertel, hinterließen in der Datenbank oft nicht die geringste Spur, häufig fand sich auch in den Fällen, wo glaubwürdige Berichte einheimischer Zeugen über Dutzende Tote vorliegen, kein Eintrag. [Führt man sich andererseits das ungeheuere Ausmaß der Gewalt in den Jahren 2005 bis 2008 vor Augen, wird die Zahl von einer Million Toten leider durchaus plausibel.]
Im Oktober 2013 wurden im Fachjournal PLOS Medicine die Ergebnisse einer neuen Mortalitätsstudie veröffentlicht, die durch ein wesentlich konservativeres Vorgehen möglichen Kritiker von Anfang an den Wind aus den Segeln nehmen will. Ihre Autoren schätzen die Zahl der Todesfälle im Irak, die bis Juli 2011 direkt oder indirekt auf den Krieg und die Besatzung zurückzuführen sind, auf eine halbe Million. Trotz der Diskrepanz zu den Schätzungen der oben genannten früheren Studien, stützt sie sie mehr als daß sie sie widerlegt.
Zum einen liegt ihre Hochrechnung um ein Mehrfaches über der Zahl, die Medien üblicherweise vermelden. Entsprechend gering war deren Echo. Zum anderen halten die beteiligten Wissenschaftler selbst ihr Ergebnis für eine Unterschätzung. Ein Problem ist die lange Zeit, die seit den Hochzeiten des Krieges vergangen ist, ein noch gravierenderes, die mehr als drei Millionen Flüchtlinge, die in die Studie nicht adäquat einbezogen werden konnten – und damit gerade die Familien, die besonders stark vom Krieg betroffen waren. Auch Familien, die vollständig ausgelöscht oder sich nach dem Tod mehrerer Mitglieder aufgelöst haben, fielen aus der Statistik. Wären die Toten von zwanzig solcher Familien – das entspricht einem Prozent der befragten Familien – mit eingeflossen, so hätte das Ergebnis leicht um 50 Prozent höher ausfallen können.
Die neue Studie bestätigt die Notwendigkeit statistischer Erhebungen. Auch wenn sie mit erheblichen Ungenauigkeiten behaftet sind, können nur mit Umfragen vor Ort die Größenordnungen der Opfer realistisch geschätzt werden. Nur so können zudem auch Informationen über die Täter ermittelt werden. Da in den Medien vor allem über die Bomben- und Selbstmordanschläge auf zivile Ziele berichtet wird, erscheinen diese zum Beispiel in Statistiken, die auf gemeldeten Fällen beruhen, als hauptsächliche Todesursache. Frühere und die neue Umfragen stimmen hingegen überein, daß weit mehr Menschen durch Kleinfeuerwaffen, Luft- und Artillerieangriffe getötet wurden. Allein die Luftangriffe der Besatzungstruppen werden für ein Siebtel aller Kriegstoten verantwortlich gemacht.
Man kann selbstverständlich die Erkenntnisse aus dem Irak nicht eins zu eins auf den Krieg in Afghanistan übertragen. Sie legen jedoch nahe, daß auch hier die Gesamtzahl der Opfer ein Vielfaches über der gemeldeten Zahl liegt und vermutlich 200.000 übersteigt – eine vernichtende Bilanz für einen NATO-Einsatz, der als „Internationale Sicherheits- und Unterstützungstruppe“ firmiert.
Eine genauere Schätzung kann auch hier nur eine statistische Erhebung bringen. Friedens- und Menschrechtsgruppen sollten daher verstärkt von der UNO und der eigenen Regierung die Durchführung solcher Untersuchungen fordern – in Afghanistan, in Libyen und an allen anderen Orten, wo die Bundeswehr und ihre Verbündeten im Einsatz sind. Mit mehr finanziellen Mitteln und mehr Personal ausgestattet, könnte die Zahl der befragten Haushalte stark erhöht und damit auch die Genauigkeit der Schätzung erheblich gesteigert werden.
„Body Count – Opferzahlen nach zehn Jahren Krieg gegen den Terror“, IPPNW, als PDF-Dokument zu finden unter: http://www.ippnw.de. Weitere Infos auf dem Blog des Autors: http://jghd.twoday.net/

Wer ist auf Expansion ausgerichtet – Russland oder die NATO?

Russlands Außenpolitik sei auf Expansion ausgerichtet, schreibt nun auch Klaus Welzel. Die Fakten sehen anders aus: Rund die Hälfte der einst sowjetischen Bevölkerung hat den Einflussbereich des Kremls verlassen, darunter z.B. Georgier, Kasachen und Moldawier. Sieben Staaten des ehemaligen Ostblocks und drei Sowjetrepubliken wurden Nato-Mitglieder, sechs ehemalige Sowjetrepubliken ‒ darunter die Ukraine ‒ sind durch ein „Partnerschaft-Programm“ mit der Nato militärisch verbunden. Sieht man vom militärischen Eingreifen im Konflikt zwischen Georgien und Südossetien ab, ließen es die russischen Regierungen geschehen. Ich bezweifele, dass die USA im umgekehrten Fall ähnlich zurückhaltend geblieben wären.
Die einseitige Lostrennung von Teilen eines Staates ist zweifellos immer problematisch, da sie meist zu langwährenden, oft äußerst blutigen Konflikten führen. Wir haben dies in Jugoslawien gesehen, als Kroatien, Slowenien und Bosnien sich einseitig abspalteten, wir sehen dies nun im Südsudan. Die USA und die EU-Staaten haben diese Sezessionen dennoch, entgegen aller Warnungen, unterstützt und für die Abspaltung des Kosovos sogar Krieg geführt.
Während jedoch der Kosovo seit Jahrhunderten zu Serbien gehörte, wurde die überwiegend russischsprachige Krim von Chruschtschow erst vor 60 Jahren willkürlich seiner Heimatrepublik Ukraine zugeschlagen ‒ bis 1990 allerdings innerhalb der Sowjetunion mit weitgehender Autonomie. Niemand bezweifelt ernsthaft, dass die Mehrheit auf der Krim nach dem gewaltsamen Umsturz in Kiew einen Anschluss an Russland befürwortet. Auch wenn Moskau, wie jede Regierung, Machtpolitik betreibt, von „Putsch“ oder „Annexion“ kann daher nicht die Rede sein. Angesichts der Dominanz ultra-rechter, russenfeindlicher bis faschistischer Kräfte in Kiew kann man den Krim-Bewohnern ihren Wunsch nach Lostrennung so wenig verdenken, wie z.B. damals den der Basken nach der Machtübernahme Frankos.

IPPNW-Studie: Body Count – Opferzahlen nach zehn Jahren „Krieg gegen den Terror“

Der Irak hat durch die Invasion im Jahr 2003 bis Anfang 2012 schätzungsweise 1,5  Millionen Todesopfer durch kriegerische Gewalteinwirkung zu verzeichnen. Das ist das Ergebnis des IPPNW-Reports „Body Count – Opferzahlen nach zehn Jahren Krieg gegen den Terror Irak – Afghanistan – Pakistan“, der nun in einer zweiten aktualisierten Auflage vorliegt. Grundlage für die ermittelte Zahl der Opfer im Irak ist unter anderem die 2006 publizierte medizinisch-epidemiologische Studie in der Zeitschrift Lancet über den Anstieg der Mortalität im Irak durch die Militärintervention. Für eine Abschätzung der aktuellen Opferzahlen hat die Autorengruppe der IPPNW im „Body Count“, die von der Lancet-Studie bis Juli 2006 ermittelten Zahlen mit weiteren Studien und Daten verglichen und Opferzahlen aus dem weiteren Kriegsverlauf bis 2012 einbezogen.
„Die Auseinandersetzung um Opferzahlen ist ein Kampf um die Zustimmung der Bevölkerung zum Krieg. Regierungspublikationen und regierungsnahe Organisationen geben erwartungsgemäß nur Zahlen heraus, die sich absolut nicht verleugnen lassen. Bezüglich der Opferzahlen im Irak beziehen sich fast alle Medien auf den „Irak Body Count“, ein Projekt das englischsprachigen Meldungen über getötete Zivilisten sammelt und mit 120.000 weniger als 10% der gesamten Kriegsopfer registriert“, kritisiert IPPNW-Vorstandsmitglied Jens Wagner und Initiator des IPPNW-Reports „Body Count“. Der Anstieg der Sterblichkeit in der Gesamtbevölkerung vor und während, bzw. nach einer Militärintervention, wie sie in der Lancet-Studie vorgenommen wurde, sei die geeignetere medizinisch-mathematische Größe, die eine Abschätzung der Kriegsopfer erlaube. Mit passiven Erhebungen wie der Auswertung von Agenturmeldungen, Krankenhausregistern oder Polizeiprotokollen könne in einem umkämpften Kriegsgebiet naturgemäß immer nur ein Bruchteil der tatsächlichen Vorkommnisse erfasst werden.
„Wohl bei keinem Krieg zuvor gab es eine derart heftige und lange währende Auseinandersetzung um die Zahl der Opfer“, schreibt Autor Joachim Guilliard in dem IPPNW-Report. Wesentlicher Grund hierfür sei die fehlende Legitimation des US-geführten Angriffs auf den Irak gewesen. Die vorgeschobenen Kriegsgründe hatten sich rasch als falsch erwiesen, als Rechtfertigung für Krieg und Besatzung blieb nur die „Befreiung des Landes von einer gewalttätigen Diktatur“, die „Demokratisierung“ und die „Stabilisierung“ des Landes. Dieses mit Hilfe der Medien mühsam aufgebaute Bild sei mit vielen Hunderttausend Opfern unvereinbar, so Guilliard.
Der Body Count hat neben dem Irak auch für Afghanistan und Pakistan eine möglichst umfassende Abschätzung der Kriegsopfer vorgenommen, obwohl hier weniger Studienmaterial vorhanden war. In der nun vorliegenden zweiten Auflage wurde neuestes Datenmaterial eingeflochten und insbesondere der Drohnenkrieg in Pakistan eingehender untersucht.     
Sie finden die aktualisierte zweite Auflage des IPPNW-Reports „Body Count – Opferzahlen nach zehn Jahren Krieg gegen den Terror“ unter
http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Frieden/Body_Count_Maerz2013.pdf
Kontakt: Angelika Wilmen, Pressesprecherin der IPPNW, Tel. 030-69 80 74-15, Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), Körtestr. 10, 10967 Berlin, www.ippnw.de, Email: wilmen[at]ippnw.de

Warnung vor Avaaz: Suspekte Gruppe sammelt über Millionen-Verteiler Unterstützer für eine No-Fly Zone in Libyen – d.h. für Krieg

Eine Flugverbotszone wird nicht mit Verbotsschildern eingerichtet, sondern muß militärisch mit Kampflugzeugen (in Frage kämen wohl nur welche der Nato) durchgesetzt werden. Um diese zu schützen, müßte zunächst, wie auch das Pentagon klar gemacht hat, die libysche Flugabwehr ausgeschaltet werden. D.h. es müßten Stellungen im ganzen Land bombardiert werden. Da Luftabwehrstellungen sich auch in Städten befinden, bedeutet dies Bomben auf Stadtviertel mit entsprechend hohen Opfern unter der Bevölkerung, umso mehr, als die Nato gar nicht weiß, wo sich überall Luftabwehrstellungen befinden. (siehe z.B. den US-Infodienst Stratfor, How a Libyan No-fly Zone Could Backfire)
Es ist nach wie vor unmöglich, zuverlässig zu erfahren, was in Libyen passiert. Niemand weiß wieviel „Volk“ hinter der einen oder anderen Seite steht. Klar ist nur, dass ein regelrechter Bürgerkrieg tobt und beide Seiten behaupten, im Recht zu sein.
Als die Protestbewegung in Ägypten wuchs, riefen die europäischen Regierungen ständig beide Seiten auf, keine Gewalt anzuwenden, obwohl die Demonstranten umbewaffnet und überwiegend friedlich waren. In Libyen, wo vielerorts die Gaddafi-Gegner gleich zu Beginn bewaffnet angriffen, Armeeposten besetzten, Waffendepots pünderten und nun mit schweren Waffen gegen die Regierungstruppen kämpfen, wird nur eine Seite zum Gewaltverzicht aufgerufen, die Gewalt der anderen ausgeblendet – ganz ähnlich wie in den 1990er Jahren in Bosnien oder im Kosovo (Diana Johnstone, Libya: Is This Kosovo All Over Again?, CounterPunch, 7.3.2011.)
Gerade hier wäre Druck auf beide Seiten nötig, die Kampfhandlungen einzustellen und sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Der Bundesauschuß Friedensratschlag hat Recht, wenn er schreibt: „Es ist uns unverständlich, weshalb der kürzlich vom venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez entworfene Friedensplan, der auf die Zustimmung Gaddafis traf, vom Westen übergangen wurde.“ — Es sei denn denn, die Nato will kein Ende der Kämpfe.
Es ist richtig, Gewalt, gar tödliche Gewalt gegen Zivilisten anzuprangern, keine Frage. Dies muß aber für beide Seiten gelten.
Die Durchsetzung einer Flugverbotszone wäre jedoch nichts anderes, als ein militärisches Eingreifen auf Seiten der Gaddafi-Gegner, durch die der Krieg sicherlich weiter eskalieren würde. Es wäre eine erneute, das Völkerrecht brechende und massiv die Souveränität eines Landes verletzende „humanitäre Intervention“. (Jean Bricmont, The Old Gang’s All Here – Libya and the Return of Humanitarian Imperialism, Counterpunch, 8.3.2011)
Mehr dazu in der Erklärung des Bundesauschuß Friedensratschlag:
Appell: Kein Öl ins Feuer gießen! Flugverbotszone bedeutet Krieg – Hände weg von Libyen!
Wer, wie Avvaz, nach dieser Intervention ruft, will zudem erneut den Bock zum Gärtner machen.
Die Kräfte, die Gaddafi hintern sollen, „sein eigenen Volk zu bombardieren“ (wobei selbst der US-Verteidigungsminister Gates sagt, dafür hätten sie keine Beweise) bombardieren selbst Tag für Tag in Afghanistan und Pakistan und töten Monat für Monat Hunderte Zivilisten.
Oder ist es vielleicht akzeptabler, wenn jemand „andere Völker“ bombardiert?
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Ein paar Infos zu Avaaz:
Innerhalb von drei Jahren wuchs der Verteiler von Avaaz auf über 4.9 Millionen Menschen aus aller Welt an und wurde damit schon zur weltweit größten Internetbewegung. Sie selbst nennen es „Mitglieder“, aber es reicht einmal in einer Kampagne unterzeichnet zu haben und schon ist man „Mitglied“.
Wie das u.a. geht beschreiben die Leute von „projektwerkstatt.de“ so:

Im Winter 2009/2010 startete AVAAZ eine große Unterschriftensammlung – angeblich, weil mit einer Millionen Unterschriften eine Eingabe an das Europäische Parlament möglich sei: […] Mit den Unterschriften könne es gelingen, „die Einführung von genmanipulierten Pflanzen und Produkten auf den Europäischen Markt zu stoppen“.
Klingt gut. Haben Sie auch unterschrieben? Bitte ärgern Sie sich dann jetzt nicht über den Überbringer schlecher Nachrichten. Denn: Die von AVAAZ behauptete Möglichkeit einer schriftlichen Eingabe gab es gar nicht. Sie war aber ein guter Trick, um an die Adressen der Menschen zu kommen. Denn die sind im Zeitalter der harten Konkurrenz der fast immer hauptamtlich geführten Verbände und Bewegungsagenturen die wichtigste Basis, um Spenden und Mitglieder zu werben.
Kurz vor Erreichen der angekündigten Million verschwanden einige 100.000 Adressen. Viele redeten von Schlamperei. Vielleicht war es aber auch nur ein weiterer Trick, um die Million nicht zu erreichen oder zumindest noch einige Zeit weiter sammeln zu können. Denn ab einer Million würden ja alle, die hingucken (wovon es leider nur Wenige gibt), mitbekommen, dass alles nur Propaganda war. So sammelte AVAAZ weiter und ließ die Aktion leise sterben. Die Aktion ging, die Adressen blieben … (http://www.projektwerkstatt.de/aes/gentec_filz.htm)

Mittlerweile prahlen die Macher von AVAAZ mit einem Verteiler von 7 Millionen Menschen und wecken die Illusion, dass man vom Sessel aus mit einem Mausclick helfen kann, die Welt zu verbessern.
AVAAZ nennt sich zwar „Kampagnennetzwerk“, ein Netzwerk ist aber gerade nicht, sondern es wird zentral von Leuten organisiert, die professionell arbeiten und genau wissen, wie man so was aufzieht. Die Gruppe die das ganze betreibt ist recht überschaubar. Viele haben ihre Erfahrungen in Wahlkämpfen in den USA oder anderen Ländern gesammelt oder durch ihre Arbeit in großen Stiftungen, wie der Rockefeller Foundation und der Gates Foundation.
Etwas mehr Hintergrund-Infos findet man hier: WER STECKT HINTER AVAAZ? und hier: Vorsicht AVAAZ: trojanisches Pferd marschiert durch den linken Rand

Die NATO 1949-91: Kurze Bilanz einer kriegerischen Geschichte

Artikel in: Broschüre „Kein Frieden mit der NATO“ sowie „Zeitung gegen Krieg“ ZgK Nr. 28, Frühjahr 2009
Die NATO ist laut Selbstdarstellung ein Verteidigungsbündnis. Als sie vor 60 Jahre gegründet wurde, hatte sie jedoch keinen Feind. In seiner Studie vom 6. Januar 1945 kam selbst der „Vereinigte Geheimdienststab“ der USA zum Schluss, dass die Sowjetunion (SU) weder die Fähigkeit noch den Willen zur Konfrontation mit den USA und ihren Verbündeten habe, sondern sich auf den Wiederaufbau und die Sicherung ihres Einflussgebietes konzentrieren müsse und alles daransetzen werde‚ um internationale Nachkriegskonflikte zu vermeiden.[1]
Die USA und ihre Verbündeten waren sich jedoch bewusst, dass sie nur einen kleinen Teil der Weltbevölkerung umfassen, jedoch über den größten Teil des weltweiten Reichtums verfügen. Es ging nun darum „ein Schema von Beziehungen zu erarbeiten, das es uns erlauben wird, diese Position der Ungleichheit zu bewahren“, wie es George F. Kennan, der Theoretiker der Eindämmungspolitik gegen die Sowjetunion, 1948 in der „Policy Planning Study 23“ des US State Departments ausdrückte.[2]
weitere …