Coronakrise: Kommunikationsstrategien und eine unterdrückte Debatte

Upgedated: 13.5.2020, 22.5.2020

Angesichts der massiven sozialen, gesundheitlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und rechtlichen Folgen des Lockdowns wäre eine breite Debatte über den spezifischen Nutzen einzelner Maßnahmen im Verhältnis zu ihren gesellschaftlichen Kosten, dringend geboten gewesen und ist sie noch. Sie müsste, wie auch sechs namhafte Wissenschaftler in einem Anfang April veröffentlichten „Thesenpapier zur Pandemie“ verlangen, außer Experten aus dem Gesundheitsbereich auch Fachleute aus anderen Bereichen einbeziehen, wie Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sowie Ethik.[1]

Eine solche offene Debatte findet jedoch nicht statt. Das Vorgehen gegen die Epidemie wird von Politik und Medien vielmehr als alternativlos hingestellt. Die verantwortlichen Politiker betonen zwar, sich allein nach den Einschätzungen der Wissenschaft zu richten, tatsächlich werden aber nur die Wissenschaftler einbezogen und sind in den Medien präsent, die hinter der Regierungspolitik stehen.

Einschätzung renommierter Experten ignoriert

Als eine Expertengruppe aus 14 renommierten Wissenschaftlern Anfang April ein gemeinsames Papier veröffentlichte, in dem sie unter der Überschrift „Die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie tragfähig gestalten“, detaillierte Vorschläge unterbreiten, wie die flächendeckenden Kontaktsperren, vorsichtig durch gezielte Maßnahmen ersetzt werden können, verhallte dies nach eintägiger Medienaufmerksamkeit ungehört. Dies, obwohl die Autoren, u.a. die Infektiologen Ansgar Lohse, Direktor der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik am Hamburger Uniklinikum Eppendorf (UKE), Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und Hans-Georg Kräusslich, Direktor des Zentrums für Infektiologie der Uni Heidelberg den tonangebenden wissenschaftlichen Beratern der Regierung an beruflicher Stellung und Reputation völlig ebenbürtig sind.[2]

Das gleiche Schicksal hatte zuvor auch das oben erwähnte „Thesenpapier“ ereilt, obwohl die dortigen Einschätzungen und Vorschläge, wie beim Papier der 14-köpfigen Gruppe, sehr fundiert, gut belegt und vorsichtig waren. Beide fordern jedoch statt umfassender und flächendeckender Maßnahmen, gezielte, am tatsächlichen Risiko von Bevölkerungsgruppen und Regionen ausgerichtete, sowie eine Abwägung des auf vernünftiger Basis geschätzten Nutzens gegen zu erwartende Schäden von Verordnungen. Darauf wollten oder konnten sich die Verantwortlichen offenbar nicht einlassen, wie auch das jüngste Beispiel, der Umgang des Bundesinnenministeriums (BMI) mit einem brisanten internen Papiers eines seiner Beamten  zeigt, das einigen Medien zugespielt wurde.

Der in der Abteilung “KM 4: Schutz Kritischer Infrastrukturen“ arbeitende Oberregierungsrat hatte mit Hilfe von 10 einbezogenen Experten eine 80-seitige Risiko-Analyse verfasst, die zum Schluss kam, das die Risiken durch Covid-19 massiv überschätzt und die „Gigantischen Kollateralschäden“ durch die Gegenmaßnahmen nicht berücksichtigt zu haben. [3] Er hatte das Papier Ende April zunächst auf dem Dienstweg weitergeleitet, und weil es so unbeachtet blieb, direkt an Innenminister Seehofer und die Innenministerien der Länder geschickt. [4]

Das BMI beeilte sich in einer Pressemitteilung das Papier als private Meinung eines einzelnen Mitarbeiters abzutun, der weder für eine solche Analyse beauftragt noch autorisiert sei, und suspendierte wegen der Verwendung des BMI-Briefkopfes vom Dienst. Die meisten Medien gaben dies auch brav so wieder, ohne auf den Inhalt einzugehen und ohne zu erwähnen, dass an der Analyse zehn renommierte Wissenschaftler einbezogen mitgearbeitet hatten.[5] Auch deren gemeinsame Presseerklärung, mit der sie sich hinter den BMI-Beamten stellten und eine inhaltliche Diskussion über das gemeinsame Papier forderten wurde ignoriert.[6]

Medienstrategie „einheitliche Kommunikation“

Die Unterdrückung abweichender Positionen entspricht einer Medienstrategie, wie sie das RKI in seinem 2016 vorgelegten „Nationalen Pandemieplan“ skizziert, der es als wichtig erachtet, dass „bestimmte Botschaften global einheitlich kommuniziert“ werden. Zur Vertrauensbildung gegenüber der Bevölkerung und den Medien wird empfohlen, „dass eine oder wenige Personen mit fachlicher, kommunikativer medialer Erfahrung (‚Medienköpfe‘) bereit stehen, um in regelmäßigen (und ggf. engmaschigen) Abständen Medienvertretern Auskunft zu geben“.[7]

Eine solche Rolle spielt offensichtlich Prof. Christian Drosten, der Chef-Virologe der Charité. „Drostens Popularität lässt wenig Raum für andere Experten“, stellte auch das Hamburger Abendblatt fest. „Das hat einerseits damit zu tun, dass das neuartige Virus zu seinem Fachgebiet gehört, andererseits aber auch mit seiner Art und, vor allem, seiner medialen Reichweite. Als viele in Deutschland noch dachten oder zumindest hofften, dass Corona an uns vorbeigehen würde, hatte Christian Drosten schon einen täglichen Podcast dazu.“ [8]

Sobald eine Studie oder eine Einschätzung anderer Forscher die gängige Sicht in Frage stellt, dauert es meist nicht lange bis sie durch seine Bewertung entschärft wird.

Als etwa sein Nachfolger an der Universität Bonn, Prof. Hendrik Streeck, Zwischenergebnisse aus der Heinsberg-Studie vorstellte, dauerte es wenige Stunden, bis Drosten, von den Medien dazu befragt, die Art der Bekanntmachung kritisierte. Seitdem haftet der Untersuchung in dem besonders betroffenen Landkreis, an der rund 80 Wissenschaftler beteiligt sind, ein Makel an.

Und wenn der Hamburger Professor  Ansgar Lohse Schulschließungen kritisiert, wird das, wenn überhaupt, nur am Rande registriert. „Wer ist schon Ansgar Lohse?“ Es ist nur ein Mediziner, der im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung für „neu auftretende Infektionskrankheiten“ zuständig ist – gemeinsam mit Christian Drosten.[9]

BMI-Strategiepapier

Der Bundesregierung reichte dies noch nicht. Ein Strategiepapier des Bundesinnenministeriums über den Umgang mit der Corona-Pandemie, kommt zum Schluss, dass die Behörden eine „Schockwirkung“ erzielen müssten, in dem die drohenden Auswirkungen einer Durchseuchung der Gesellschaft drastisch, durch Präsentation eines Worst-Case-Szenario mit über einer Million Toten im Jahre 2020, verdeutlicht werde. So solle durch die Schilderung von Szenarien, bei denen Schwerkranke von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen werden und zu Hause, qualvoll um Luft ringend, sterben, die „Urangst“ vor dem „Ersticken“ genutzt werden. “ Auch potentiell bleibende Folgeschäden sollen hervorgehoben werden, sowie die Trauma-Gefahren für Kinder, wenn sie mit ansehen müssten, wie Elternteile qualvoll sterben, weil sie sie angesteckt haben.

Akzeptanz durch Schockieren

Die über die Medien verbreiteten Zahlen waren jedenfalls von Beginn an nicht geeignet, sich ein realistisches Bild vom Infektionsgeschehen zu machen. Der Deutschen Freidenker-Verband bezeichnet sie in seiner Stellungnahme zur „sogenannten Corona-Krise“ zu Recht als „Statistik-Hokuspokus“. Ob basierend auf den Daten des RKI oder der weltweit tonangebenden Johns Hopkins Universität, gezeigt werden vor allem die kumulierten absoluten Zahlen der gemeldeten Corona-Infektionen. Da diese Summen naturgemäß ständig ansteigen, wirken sie für sich schon bedrohlich. Einen realen Eindruck würden die relative Zahl der täglichen Neuinfektionen, bezogen auf die Bevölkerungsgröße und die prozentuale Differenz zu denen des Vortags geben, ergänzt um das jeweilige Verhältnis zur Zahl der Tests. Dasselbe gilt auch für die Angabe der Todesfälle. (Prof. Wade Fagen-Ulmschneider bietet auf seiner Webseite 91-divoc.com interaktive Kurven, die die relativen, auf die Bevölkerungsgröße bezogenen Zahlen für die meisten Länder zeigen.)

Um diese Zahlen vernünftige einordnen zu können, müsste man ihnen die Zahlen bekannter Ereignisse zur Seite stellen: u.a. die durchschnittliche Zahl täglicher Todesfälle (2.500 Personen pro Tag) oder den Verlauf von Infektionszahlen und Todesfällen schwerer Grippeepidemie, wie 2017/2018 während derer ebenfalls in Spitzenzeiten Tausende täglich erkranken und Hunderte sterben.

Die tägliche Zahlen derer, die schwer erkranken und ins Krankenhäuser mussten oder auf Intensivstationen behandelt werden müssen, sucht man ebenfalls vergebens, obwohl diese, in Verbindung mit Angaben über vorhandene Kapazitäten, die entscheidenden Indikatoren dafür sind, wie weit das Gesundheitssystem noch von seinen Belastungsgrenzen entfernt ist.

Mit den schnell ansteigenden Zahlen der Infektionen und Todesfälle, dramatischen Schilderungen der Situationen in Hotspots, wie Norditalien und der Warnung vor Hundertausenden Toten im eigenen Land, wurde die Bevölkerung so in Angst und Schrecken versetzt, dass sie mehrheitlich auch die härtesten Maßnahmen begrüßt. Auf Skepsis wird oft regelrecht aggressiv reagiert: „Schau Dir doch die Zustände in Italien an, im Elsass oder New York“ wird Kritikern entgegengeschleudert. Ohne unterschiedliche Wirksamkeiten einzelner Maßnahmen in Betracht zu ziehen, wird die Beschäftigung mit kritischen Einschätzungen von vorneherein als überflüssig erachtet.

Die Angst sitzt tief. Manche springen bereits panisch zur Seite, wenn sie einem Passant oder Radfahrer begegnen, aus Angst vor einem todbringenden Hauch. Klinikleiter berichten, dass die Anzahl von Patienten, die mit akuten Herzbeschwerden ins Krankenhaus kommen, sich seit Beginn der Corona-Krise fast halbiert hat. Ähnliches gelte für Blinddarmentzündungen und Darminfarkte. Diese Notfallpatienten bleiben wahrscheinlich zu Hause, weil sie Angst haben, sich im Krankenhaus mit Corona zu infizieren.[10]

Politiker, regierungsnahe Wissenschaftler und Medien bemühen sich weiterhin, zu verhindern, dass die Angst nachlässt. Jeder Wissenschaftler, der aufgrund der sich verdichtenden Fakten, das neue Virus beispielsweise als kaum gefährlicher als die Grippe einstuft, wird unabhängig von Reputation und Funktion, sofort als verantwortungsloser „Relativer“ diffamiert und auch weitgehend aus der öffentliche Debatte ausgeschlossen.

Gleichzeitig untergraben ständig schärfere Kriterien für eine Ende des Lockdowns immer mehr das Vertrauen. Hieß es anfänglich, man wolle, um die Intensivabteilungen der Krankenhäuser nicht zu überfordern, die Verdopplungszeit der Fallzahlen auf 10, später 14Tage ausdehnen, so der Statistikexperte Gerd Bosbach der mit seinem Buch „Lügen mit Zahlen“ bekann wurde. Als man sich dem gemäß der RKI-Zahlen näherte, wurde die Reduktion der Reproduktionszahl R unter 1.0 als Kriterium für deutliche Lockerungen der Beschränkungen erklärt. Nachdem auch dies je nach Schätzmethode seit Mitte März oder Anfang April mehr oder weniger deutlich der Fall ist, ist nun ein Rückgang der täglich gemeldeten Neuinfektionen auf wenige Hundert ausschlaggebend.[11]


[1] Prof. Dr. med. Matthias Schrappe u.A., Thesenpapier zur Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19 ‒ Datenbasis verbessern Prävention gezielt weiterentwickeln Bürgerrechte wahren, Springer Pflege, 06.04.2020
[Upd: die Autoren haben eine aktualisierte Version vorgelegt: Thesenpapier 2.0 v. 3.5.2020]

[2] Die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie tragfähig gestalten – Empfehlungen für eine flexible, risikoadaptierte Strategie, Ifo-Institut, 2.4.2020

[3] Das geleakte Dokument „Corona-Krise 2020 aus Sicht des Schutzes Kritischer Infrastrukturen“ vom 25.4.2020 kann auf  ichbinanderermeinung.de  abgerufen werden

[4] Pandemiebekämpfung: Warum ein Beamter in der Corona-Krise den Aufstand wagt , Die Zeit, 11. Mai 2020

[5] Tobias Riegel, Der Staat hat sich in der Corona-Krise als einer der größten Fake-News-Produzenten erwiesen“ – BMI-Mitarbeiter leakt Dokument, NachDenkSeiten, 13.5.2020

[6] Gemeinsame Pressemitteilung der externen Experten des Corona-Papiers aus dem Bundesministerium des Innern, achgut.com, 11.05.2020

[7] Nationaler Pandemieplan Teil II – Wissenschaftliche Grundlagen, RKI, 2016, s.a. Tobias Riegel, Pandemie und Propaganda: Die ganz große Verwirrung, NachDenkSeiten, 9.4.2020

[8] Worüber sich Corona-Experte Christian Drosten ärgert, Hamburger Abendblatt, 27.04.2020

[9] Ebd.

[10] Gerd Gigerenzer, „Mit unberechenbaren Risiken rechnen“ ‒ Was Corona-Zahlen sagen – und was nicht, FR, 12.05.2020,  Angst vor Corona-Virus: Wenn Patienten ihre Gesundheit riskieren, FR, 18.04.2020

[11] Gerd Bosbach,.Ständig wechselnde Corona-Kriterien schaffen Misstrauen, , 29.4.2020

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