Der Beitrag erschien leicht gekürzt und redaktionell überarbeitet in der Nahost-Beilage der jungen Welt vom 13.05.2026: „Irak war die Ouvertüre: Das Vorgehen des US-Imperialismus im Nahen Osten folgt dem Öl, Israel und den Plänen der Neocons – Iran soll als nächstes fallen„
Diversen Berichten zufolge hatte sich US-Präsident Trump von Israel in den erneuten Krieg gegen den Iran drängen lassen, vorschnell und ohne konkrete Planung. Während das Netanyahu-Regime sein primäres Ziel, die USA zu einem umfassenden Krieg gegen den Iran zu bewegen, erreichte, entwickelte sich dieser aus US-Sicht nahezu desaströs. Damit stellt sich einmal mehr die Frage inwieweit die Nahost-Politik der USA, getrieben von einer mächtigen zionistischen Lobby, mehr von israelischen als US-Interessen gesteuert wird oder ob Israel nicht doch noch militärische Vorhut des US-Imperialismus in der Region ist. Diese Frage kam schon Anfang des Jahrhunderts auf, als die kriegstreiberischen Falken in und um die Bush-Regierung, die als „Neokonservative“ oder „Neocons“ bezeichnet werden, begannen ihre radikalen Pläne umzusetzen.
Aus ihrem Kreis stammt ein im Juni 1996 für den damals frischgewählten israelischen Premierminister Netanjahu verfasstes Strategiepapier mit dem Titel „A Clean Break: A New Strategy for Securing the Realm“ Ein klarer Schnitt: Eine neue Strategie zur Sicherung des Herrschaftsbereichs. Es drängte diesen, einen „klaren Schnitt“ mit dem Osloer Friedensprozess zu vollziehen und wieder Israels Anspruch auf das Westjordanland und den Gazastreifen zu betonen. Statt einer Aussöhnung über die Parole „Land für Frieden“ sollten die Palästinenser per „Frieden durch Stärke“ dazu gebracht werden, die Positionen Israels „bedingungslos zu akzeptieren.“
Das Papier präsentierte einen Fahrplan, wie Israel sein „strategisches Umfeld gestalten“ solle. Es solle nicht länger versuchen, mit seinen Nachbarn in ihrer jetzigen Verfasstheit eine Verständigung zu suchen. Die neue Regierung solle sie, die Spannungen innerhalb und zwischen den arabischen Staaten nutzend, massiv schwächen und destabilisieren. Der erste Schritt müsse die Ersetzung Saddam Husseins durch einen haschemitischen Monarchen in Bagdad sein. Dies würde nach Ansicht der Autoren, den Weg frei zum Umsturz in Syrien, Libanon und Iran machen. Israel solle seine Feinde nicht nur „eindämmen“, sondern „besiegen“.
Einiges wurde offensichtlich von Netanjahu und den folgenden israelischen Regierungen umgehend umgesetzt. Der Oslo-Prozess wurde beerdigt, Landraub und Besatzungspolitik verschärft, der Gazastreifen abgeriegelt, der Libanon 2006 angegriffen …. Den Sturz Saddam Husseins nahmen die Neocons allerdings selbst in die Hand, nachdem 2001 einige ihrer prominenten Vertreter in führende Positionen der Bush-Regierung gerückt waren.
Zuvor, im September 2000, hatte der führende neokonservative Think-Tank, „Project for the New American Century“ (PNAC), ein Strategiepapier veröffentlicht, das die Richtschnur der US-Politik unter Bush bilden sollte.[1] Es sah ausdrücklich vor, die Präsenz und Dominanz der USA im Nahen Osten und weit darüber hinaus stark auszuweiten, wobei der Krieg gegen den Irak den noch virulenten Vorwurf versteckter Massenvernichtungswaffen nutzend, die Ouvertüre sein sollte. Dieser werde den gesamten Nahen Osten destabilisieren und es ermöglichen, auch die anderen widerspenstigen Regime zu stürzen. Da damit das Konzept des Gleichgewichts der Kräfte in der Region aufgegeben wurde, kam die Regionalmacht Iran dadurch ganz oben auf die Agenda.
Der „Transformationsprozess“, heißt es in der PNAC-Studie, werde „abseits irgendeines katalysierenden Ereignisses, ähnlich einem neuen Pearl Harbor, wahrscheinlich ein langwieriger sein“. Die Anschläge des 11. September 2001 machten den Weg frei, unter Slogans wie „Krieg gegen den Terror“, „Präventivschläge“, „Schurkenstaaten“ .… Dem ehemaligen NATO-Oberbefehlshaber und US-General Wesley Clark wurde bekanntlich nach Beginn des Angriffs auf Afghanistan Ende 2001 im Pentagon eine Liste vorgelegt, auf der weitere sieben Ländern standen, gegen die in den folgenden Jahren Krieg geführt werden sollte. Neben dem Irak waren das auch Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und Iran.
Diese Liste wurde mittlerweile offensichtlich abgearbeitet, auch von den nachfolgenden Administrationen. Der Iran als stärkster Gegner wurde für das Finale aufgehoben. Geht man von ihren ehrgeizigen Plänen aus, im gesamten, von Nordafrika bis Pakistan reichenden. „Greater Middle East“ eine vollständige Kontrolle über die Rohstoffreserven und Transportwege zu etablieren, sind die Neocons nicht nur gescheitert, die Supermacht musste auch reichlich Federn lassen. So mussten die USA in Afghanistan nach 20 Jahren Krieg das Feld den Taliban überlassen, errang im Iran der Iran den größeren Einfluss und muss Washington sich in Syrien nun mit einem islamistischen Milizenführer arrangieren, der zuvor auf ihrer Terrorliste stand.
Jedoch ist ihnen die im „Clean Break“-Papier anvisierte Schwächung, Destabilisierung, Zerstörung der Länder, die sich den Bestrebungen der USA und Israels widersetzten, durchaus gelungen – in verheerenden Kriegen mit Millionen Toten und Vertriebenen. Am Iran könnten sie nun aber auf folgenreiche Weise scheitern. Der politische, militärische und wirtschaftliche Schaden für die Supermacht ist bereits enorm.
Da die Kriege des letzten Vierteljahrhunderts tatsächlich die Gegner Israels entscheidend schwächten, jedoch mit sehr hohen materiellen und politischen Kosten für die USA verbunden waren, sind viele Beobachter der Ansicht, sie dienten weniger US-amerikanischen als israelischen Interessen, durchgesetzt von einer übermächtigen pro-israelischen Lobby in den USA.
Die zionistischen Organisationen dort üben sicherlich einen erheblichen Einfluss auf die US-Außenpolitik im Nahen Osten aus. Ein erheblicher Teil von ihnen, die rechts-radikalen Evangelikalen, unterstützt die Kriege, Landraub und Besatzung Israels jedoch aus Eigeninteresse. Setzt deren Endzeitlehre doch auf die vollständige zionistische Herrschaft über das „gelobte Land“. Die Ideologie hinter „A Clean Break“ ist im Grunde eine säkularisierte Version davon, die ebenfalls die Ausdehnung Israels auf ganz Palästina und weit darüber hinaus fordert – vom Nil bis zum irakischen Euphrat, wie es nach Lesart der evangelikalen Zionisten die Bibel verlangt.
Doch die zionistische Lobby kann nur so erfolgreich sein, wie namhafte Experten wie Noam Chomsky und Stephen Zunes schon in frühen Debatten betonten, weil sie für eine Politik trommeln, die den wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen mächtiger Fraktionen der herrschenden Klasse der USA entsprechen, insbesondere denen des Militärisch-industriellen Komplexes und Teilen der Ölindustrie. Die möglichst vollständige Kontrolle über den Nahen und Mittlere Osten ist zudem seit dem Untergang des britischen Empire ein zentrales Anliegen des US-Imperialismus, liegt hier doch der größte Teil der bekannten Erdöl- und Erdgasvorräte der Welt und verlaufen hier einige der wichtigsten Transportwege.
Ein Dokument des US-Außenministeriums über das „Öl des Nahen Ostens“ von 1945 beschrieb die Region als „enorme Quelle strategischer Macht und als einen der größten zu erringenden materiellen Gewinnen der Weltgeschichte.“[2]
Gäbe es nicht ein gemeinsames Interesse im US-Establishment an einer solchen Dominanz über die Region, wären nicht wesentliche Elemente der Neocon-Pläne von den Nachfolgern Bushs fortgesetzt worden. Das Besondere am Ansatz der Neocons war, aus der Hybris absoluter militärischer Überlegenheit heraus, diese Dominanz mit roher Gewalt durchsetzen zu wollen.
Nach Wegfall des kommunistischen Feinbildes fanden die Befürworter fortgesetzter Hochrüstung und neuer Kriege in den militanten Zionisten ein starkes, gut etabliertes Netzwerk politisch versierter Verbündeter. Da sich die Interessen dieser beiden mächtigen Gruppen in Bezug auf die Schürung von Krieg und Unruhen im Nahen Osten deckten, entstand zwischen ihnen ein wirkungsvolles Bündnis, in dem das Wirken der neokonservativen Spin-Doktoren und des „militärisch-industrielle Komplex“ durch die hervorragenden PR-Fähigkeiten der zionistischen Lobby ergänzt wurden – mit dem Feindbild „radikaler Islam“ als hervorragenden Ersatz für die „sowjetische Bedrohung“[3]. Dieses Bündnis agiert weiter sehr wirkungsvoll.
[1] Rebuilding America’s Defenses: Strategy, Forces and Resources for a New Century
[2] Zitiert nach Noam Chomsky, US Iraq Policy – Motives and Consequences, in: Anthony Arnove (Hg.) ”Iraq Under Siege: The Deadly Impact of Sanctions and War” South End Press 2000.
[3] Ismael Hossein-Zadeh, The Neocon-Zionist Alliance for War, Against the Current 107, November-December 2003
