Sterbefallzahlen rechtfertigen keinen Lockdown ‒ Update zu Corona: Dramatische „Zweite Welle“ oder herbstlicher Trend?

Die Gesamtzahl der wöchentlichen Todesfälle folgt noch weitgehend dem Trend der letzten Jahre, Covid-19 tritt an Stelle früherer Todesursachen. Die leichte aktuelle Übersterblichkeit ist nicht allein auf Corona zurückzuführen

Update des Kapitels „Steigende Zahl von Infektionen und Toten im Herbst“ des Beitrags Dramatische „Zweite Welle“ oder herbstlicher Trend?, das neuere Sterbefallzahlen berücksichtig und auch auf die vom das Statistische Bundesamt gemeldete Übersterblichkeit für KW 46 (9. bis 15.11.) eingeht.

Politiker und Medien schüren täglich mit schockierenden Meldungen über Hunderte von Corona-Toten und überfüllte Krankenhäuser die Ängste in der Bevölkerung. Die Zahlen werden dabei nie in Bezug zur Gesamtsituation gesetzt.

In Dramatische „Zweite Welle“ oder herbstlicher Trend? wird unter anderem anhand der Daten des DIVI-Intensivregisters gezeigt, dass trotz einer wachsenden Zahl von Covid-19 -Patienten auf Intensivsstationen die Gesamtzahl der belegten Intensivbetten im Herbst nicht wesentlich gestiegen ist.
Im zweiten Teil des Beitrags werden die mit Covid-19 in Verbindung stehenden Todesfälle in den Kontext der Gesamtzahl wöchentlicher Sterbefällen und ihrer saisonalen Zunahme im Herbst und Winter gestellt. Die Entwicklung der Sterbefallzahlen, wie die der Intensivbettenbelegung zeigt, dass sie nicht mit der Zahl der der Corona-Fälle steigen. Die Diagnose „Covid-19“ tritt zum großen Teil an die Stelle von Krankheiten, die in anderen Jahren üblicherweise zu schweren Verläufen bis hin zum Tod führen.

Mittlerweile liegen neuere Sterbefallzahlen vor, die ein Update nötig machen, das auch auf die vom das Statistische Bundesamt gemeldete Übersterblichkeit für KW 46 (9. bis 15.11.) eingeht.

Anstieg von Sterbefällen im Herbst noch weitgehend im saisonalen Trend

Da auch andere Erkältungs- und Lungenkrankheiten zum Teil tödlich enden, steigt die Zahl der wöchentlichen Toten jedes Jahr ab Mitte September an, von durchschnittlich 16.000 auf 18.000 bis 19.000 Mitte Dezember. (s. Wöchentliche Sterbefallzahlen in Deutschland des Statistischen Bundesamts). Ab dann treibt die Grippesaison die Zahlen noch weiter in die Höhe ‒ bis zu Spitzenwerten von 23.640 Toten Ende Januar 2017 und 26.777 Toten in der ersten Märzwoche 2018.

Das Diagramm des Statistischen Bundesamts mit den Zeitreihen der wöchentlichen Zahlen in den Jahren 2016 bis 2020 zeigt den prinzipiellen Trend, mit dem tiefsten Stand im Sommer, mit Ausnahme von Hitzeperioden, sowie auch die starken Schwankungen von Woche zu Woche.

Wöchentliche Sterbefallzahlen in Deutschland. Verlauf der Jahre 2016-2020 nach Kalenderwochen (KW)
Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand 12.12.2020

Leichte Übersterblichkeit seit dem Sommer

In der folgenden Tabelle sind die wöchentlichen Fallzahlen für einige Kalenderwochen aufgelistet. Neben der Zahl, der mit oder an Corona Gestorbenen, enthält sie deren prozentualen Anteil an der Gesamtzahl von 2020, den Durchschnitt von 2016-2019 und die Differenz zu 2020 in Prozent.

Tabelle: Sterbefallzahlen der letzten Kalenderwochen

KWab 20162017201820192020mit Covid-19% von ges. 2020∅ 2016 – 2019Anstieg 2020
3417.08.16.25816.14816.89015.93419.638320,2%16.30820,4%
3631.08..16.01615.70616.39015.98816.550360,2%16.0253,3%
3814.09..15.60616.50516.65116.50017.430500,3%16.3166,8%
4028.09.16.35216.66416.66216.89917.439760,4%16.6444,8%
4212.10.17.59917.13916.55217.71317.4862121,2%17.2511,4%
4319.10.17.58617.05916.60817.23718.2223511,9%17.1236,4%
4426.10.17.58016.76216.89517.48818.0306873,8%17.1814,9%
4502.11.17.78217.37117.60417.85918.4831.0675,8%17.6544,7%
4609.11.18.59117.59416.84218.24219.1611.4557,6%17.8177,5%
5007.12..18.98518.50417.94319.101     
Quelle: Wöchentliche Sterbefallzahlen in Deutschland des Statistischen Bundesamts, Stand 12.12.2020

Wie aus der Grafik und der Tabelle ersichtlich ist, nahm auch dieses Jahr die Zahl der wöchentlichen Toten wie in den Vorjahren ab September zu, von 16.550 in Kalenderwoche 36 auf über 18.000 Ende Oktober. Die Covid-19-Fälle fielen dabei noch nicht ins Gewicht, sie reihten sich nun einfach ein. Die Zahlen der letzten Wochen sind zwar in diesem Jahr höher als in den letzten Jahren, allerdings sind sie dies schon seit der KW 36. In KW 38 lag sie 6,8% über dem Durchschnitt der Vorjahre. Da die Zahl der Covid-19-Todesfälle bis KW40 noch unter 100 pro Woche blieb, liegen den höheren Fallzahlen offensichtlich noch andere Todesursachen zugrunde. So betrug die Zunahme zur Vorwoche in KW 45 in diesem Jahr 678, die der Covid-19-Fälle nur 388.  

Übersterblichkeit durch verminderte Krankenhausversorgung im Frühjahr

Eine Analyse der sogenannten Übersterblichkeit, die die Initiative Qualitätsmedizin (IQM) auf Basis der Daten des Statistischen Bundesamts (Destatis) von Ende November durchführte, zeigt, dass die Sterbefälle bis Ende Oktober 2020 nur unwesentlich vom Mittel der Jahre 2016-19 abwichen. (Effekte der SARS-CoV-2 Pandemie auf die stationäre Versorgung von Januar bis Oktober 2020, IQM. 1.12.2020)

Quelle: IQM. 1.12.2020

In Abb. 8 der Studie werden im linken Diagramm die monatlichen Zahlen von 2020 neben den Durchschnitt von 2016 bis 2019 gestellt. Die als „Exzess Letalität“ bezeichnete Differenz ist im rechten Diagramm grau dargestellt, zusammen mit den monatlich gemeldeten Zahlen der Todesfälle mit Bezug auf Covid -19.

Während die Übersterblichkeit im April zum größten Teil auf Corona zurückzuführen ist, ist sie im August, September und Oktober augenscheinlich nicht oder nur zum geringen Teil durch das neue Virus zu erklären. Destatis gibt als mögliche Ursache für die Übersterblichkeit im August die Hitzewelle an. Der Effekt, so die IQM-Studie, „könnte allerdings auch auf die verminderte Krankenhausversorgung“ durch die Verschiebung nicht dringliche Operationen von März bis Juni zurückführbar sein. Dies könnte auch eine Ursache für die höhere Zahl von Sterbefällen im September und Oktober 2020 sein.

Übersterblichkeit im November

Das Statistische Bundesamt hat am 11. Dezember in einer Pressemitteilung für KW 46 eine Übersterblichkeit von rund 8% gemeldet (Sterbefallzahlen in der 46. Kalenderwoche 8 % über dem Durchschnitt der Vorjahre, Destatis , 11.12.2020). Rechnerisch liegt die Zahl der Sterbefälle in dieser Woche 7,5% über dem Durchschnitt der letzten Jahre und 5% über der von 2019.

Im Vergleich mit den Spitzen im Sommer (über 20%) oder im Januar 2017 und März 2018 liegt sie bisher aber nur wenig über den jährlichen und wöchentlichen Schwankungen. 2017 lag sie in KW 5 um 22% über dem Durchschnitt der anderen Jahre, 2018 in KW 10 um 37%.

Wenn in der aktuellen Infektionswelle die Übersterblichkeit weiter zunimmt, muss sie in diesem Kontext  betrachtet werden. Zudem kann sie auch in Zukunft nicht einfach Corona zugerechnet werden. Mit der Dauer und Härte der Lockdown-Maßnahmen werden auch deren Opfer zunehmen.

Vermeidung von Corona-Todesfällen durch Schutzkonzept

Während die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten einen harten Lockdown angesichts hoher Fallzahlen für unausweislich erklären, belegt Tübingen eindrücklich, dass der von vielen Experten und Praktikern des Gesundheitsweisen als Alternative geforderte Fokus auf den Schutz der besonders durch Corona gefährdeten Menschen die Zahl von Todesfälle drastisch reduzieren kann.

Nach dem unter Oberbürgermeister Boris Palmer eingeführten Schutzkonzept werden in Tübingen Personal, Bewohner und Besucher in den Alten- und Pflegeheime regelmäßig mit Schnelltests getestet. Ältere Menschen erhielten FFP2-Masken und können Taxis zum Bustarif nutzen. In neun Altenheimen mit 1000 Pflegeplätzen gibt es seit Mai nicht einen einzigen Corona-Fall und in der Tübinger Uni-Klinik liegen nur wenige Corona-Patienten.


In Dramatische „Zweite Welle“ oder herbstlicher Trend? wird im „Covid-19 statt Grippe oder Lungenentzündung“ näher auf die Krankheiten eingegangen, die in anderen Jahren für eine erhöhte Sterblichkeit in Herbst und Winter sorgen und den Influenza Wochenberichten zufolge in diesem Jahr durch Covid-19 ersetzt werden. Weitere Kapitel sind:

3 thoughts on “Sterbefallzahlen rechtfertigen keinen Lockdown ‒ Update zu Corona: Dramatische „Zweite Welle“ oder herbstlicher Trend?”

  1. Lieber Jogi,

    am 23.8.2020 wurde auf deinem Blog die Warnung vor einer zweiten Welle zurückgewiesen. Die Schlagzeile lautete „eine undramatische Entwicklung“. An diesem Tag wurden 2 Todesfälle gemeldet. Allerdings hatte zu diesem Zeitpunkt die Anzahl täglicher Neuinfektionen schon die 2.000 übeschritten.

    Am 26.11.2020 lautete die Schlagzeile „Entwicklung lässt keine große Corona Welle erkennen.“ Es wurden 398 Todesfälle an diesem Tag gemeldet.

    Am 12.12.2020 hieß es „Sterbefallzahlen rechtfertigen keinen Lockdown“. Gemeldet wurden 489 Todesfälle.

    Am 8.1.2021 waren es 1.188 Sterbefälle.

    Und jetzt?

    Peter Koch

  2. Lieber Peter,

    das Geschehen ist zu komplex, als dass man es mit ein paar groben Fallzahlen beschreiben könnte. Mit meinen Beiträgen wollte ich vor allem darauf hinweisen und durch die Einordnung der Corona-Fallzahlen in die Verläufe der Gesamt- und Vorjahreszahlen ein vernünftiges Bild vom Infektionsgeschehen vermitteln. Der Alarmismus, der mit der üblichen isolierten Präsentation der Corona-Daten betrieben wird, dient ja nicht nur der Rechtfertigung von z.T. völlig unverhältnismäßigen Maßnahmen, sondern ist für sich schon gesundheitsschädlich.

    Seriös bewerten kann man die jeweilige Situation nur auf Basis der vorliegenden Daten, alles andere ist ziemlich spekulativ. Das gilt wegen der schlechten Datenbasis aufgrund fehlender repräsentativer Studien auch für die Modellrechnungen der Wissenschaftler die zu den wenigen Regierungsberatern gehören. Im August war eine „2. Welle“ auf alle Fälle noch nicht in Sicht, die ganze Aufregung damals aufgesetzt. Natürlich war mit einem Anstieg im Herbst zu rechnen. Dieser folgte zunächst aber völlig dem saisonalen Trend, wenn auch etwas über dem Durchschnitt der letzten Jahre. Da dieses Plus seit August bestand, liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier um Spätfolgen des ersten Lockdowns handelt (s. Effekte der SARS-CoV-2 Pandemie auf die stationäre Versorgung von Januar bis Oktober 2020, IQM. 1.12.2020, ) .

    Die reinen Corana-Fallzahlen sind irreführend, da hier ja auch die gezählt werden, die nicht an, sondern mit Corona starben, und ‒ wie ich ja in meinem Beitrag zeige ‒ fast proportional mit dem Anstieg von Corona-Fällen weniger Menschen an anderen Atemwegserkrankungen sterben, Covid-19 vermutlich diese Krankheiten bei gebrechlichen Menschen einfach ersetzt.

    Dass die Exzess-Mortalität noch zunehmen würde, habe ich selbstverständlich nicht ausgeschlossen. Wer hätte Anfang 2018 beim Blick auf die Kurve im Januar vorhersagen können, dass die Zahl der wöchentlichen Toten im März auf 26.800 ansteigen, 2019 und 2020 aber bei fast gleichem Januarverlauf bis Ende März fast gleichbleiben würde.

    Ich schrieb aber oben:

    „Wenn in der aktuellen Infektionswelle die Übersterblichkeit weiter zunimmt, muss sie in diesem Kontext betrachtet werden. Zudem kann sie auch in Zukunft nicht einfach Corona zugerechnet werden. Mit der Dauer und Härte der Lockdown-Maßnahmen werden auch deren Opfer zunehmen.“

    Die nun deutliche Übersterblichkeit kommt, wie u.a. eine Untersuchung der CoronaDataAnalysisGroup an der Uni München zeigt (CoDAG-Bericht Nr. 4, 11.12.2020) ausschließlich von den Altersgruppen ab 60.

    Signifikant ist sie vor allem in Altersgruppe der über 80-Jährigen, bei den 35-59 Jährigen ist aktuell sogar eine Untersterblichkeit sichtbar (aktuellere Daten sieht man auf der Human Mortality Database).

    Die Studie konstatiert daher: „Problematische Entwicklung der Fallzahlen bei den Hochbetagten ‒ Die bisherigen Corona-Maßnahmen verfehlen notwendigen Schutz der Ältesten“.
    Während der Anstieg der Infektionen in den unteren Altersgruppen schon vor dem „Lockdown Light“ geendet hatte, stiegen sie bei den über 80jährigen weiter rapide an, d.h. genau bei denen, die auch oft schwer daran sehr schwer erkranken.
    Und das ist ein ungeheurer Skandal. Sich vor allem um den Schutz derer, mit einem hohen Risiko zu kümmern, war ja von Anfang an die zentrale Forderung der renommierten, aber dennoch ignorierten Kritiker der Corona-Politik, während Lockdown-Befürworter, wie der SPD-Politiker Lauterbach kürzlich im RNZ-Interview, einen solchen Schutz pauschal als unpraktikabel abtun.

    Im CoDAG-Bericht heißt es weiter:

    „Es zeigt sich deutlich, dass die ergriffenen Maßnahmen (ab KW 45) zur Infektionseindämmung für die hoch vulnerable Bevölkerungsgruppe nicht hinreichend zielführend sind. In diesem Zusammenhang ist auch kritisch zu hinterfragen, ob die neusten verschärften Einschränkungen, die primär auf die unter 85-Jährigen abzielen, zielführend sein können, um die vulnerable und hochbetagte Bevölkerung zu schützen …“

    Viele Grüße,
    Joachim

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