Corona: Rekordzahlen durch irreführende Vergleiche

Die Zahl der „Neuinfektionen“ ist wenig aussagekräftig, da es sich genaugenommen nur um positive Tests handelt, deren Zahl sehr stark von der Zahl der Tests abhängt. Bei gleicher Testanzahl und -Strategie wären im April vermutlich über 45.000 „Neuinfektionen“ registriert worden.

Aufbauschender Zahlenzauber

Nach wie vor werden täglich auch noch die Kurven mit den akkumulierten Gesamtzahlen der „Infizierten“ präsentiert. Die hohen, ständig weiter wachsenden Zahlen sollen ebenfalls die Gefährlichkeit des Virus unterstreichen, sind aber für eine Einschätzung der aktuellen Situation noch weit weniger geeignet als die der täglich gemeldeten positiven Tests. Ihre Präsentation ist geradezu widersinnig, da eine hohe Gesamtzahl ja durchaus wünschenswert ist: denn je mehr sich bereits mit dem neuen Virus infiziert haben, desto weniger können ihn zukünftig weiterverbreiten, d.h. desto größer ist bereits die Immunität in der Bevölkerung.

Allerdings zeigen sie aufgrund der hohen Dunkelziffer nur einen Bruchteil der bereits Infizierten. Geht man von einer Infiziertensterblichkeit von 0,23% aus, die die oben zitierten Ioannidis-Studie ermittelte, so könnten in Deutschland Ende Oktober, bei rund 10.000 an oder mit Corona Gestorbenen, schon über vier Millionen infiziert gewesen sein, 5% der Bevölkerung. Legt man die sich aus der WHO-Schätzung ergebende Sterblichkeit von 0,125% zugrunde, wären es sogar acht Millionen oder 10%.

Aussagekräftiger: Zahl der schwerer Erkrankten

Als Maßstab für das Pandemiegeschehen werden ‒ entgegen den Rat vieler Experten ‒ immer noch in erster Linie die Zahl der „Neuinfektionen“ gewertet. Nach wie vor hält man auch an der Schwelle von 50 pro Woche und 100.000 Einwohner, ab der Kreise und Städte zu Risikogebieten erklärt werden. Diese war schon im Frühjahr, recht willkürlich, festgelegt worden, als rund 400.000 Test pro Woche durchgeführt wurden. Mittlerweile wird mehr als dreimal so viel getestet.

Da die Höhe der gemeldeten Infektionszahlen stark von der Zahl der Test abhänge und hier häufig auch Fälle registriert werden, die gar nicht ernsthaft infiziert sind, müsse auch, so u.a. der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Gassen, diese Schwelle deutlich angehoben werden:
Viel mehr Tests, viel weniger Positive: Vor dem Hintergrund könnte man nach Berechnungen des Zentral-Instituts der kassenärztlichen Versorgung die kritische Schwelle auf 136 hochziehen, um das gleiche Risiko abzubilden.“ (Warnung vor „falschem Alarmismus“ Neue Osnabrücker Zeitung, 10.10.2020)

Eine bessere Einschätzung des Infektionsgehens liefert jedoch die Entwicklung der Zahl derer, die pro Woche aufgrund eines schweren Verlaufs der Krankheit stationär behandelt werden. Deren Anteil an den positiv Getesteten ist im Sommer auch noch gesunken, als die der täglich neu gemeldeten Fälle schon stiegen. In der ersten Juni-Woche waren laut RKI bei 341.000 Tests 2.350 positiv getestet und 311 Corona-Patienten (13,2%)  hospitalisiert worden. Ende August waren von 1,12 Millionen Tests 8.800 positiv und mussten 343 Infizierte (3,9%) ins Krankenhaus (siehe aktuelle Lageberichte des RKI zu COVID-19).

Politik und Medien machen in erster Linie den großen Prozentsatz von jungen Leuten unter den „Infizierten“  für die geringere Rate an ernsthaften Erkrankungen verantwortlich, ohne jedoch mehr als die Vermutung dafür ins Feld führen zu können, junge Leute hätten durch ihre Freizeitgestaltung mit einer größeren Zahl von Kontakten einfach eine viel höhere Infektionswahrscheinlichkeit. Doch warum sollten im Frühjahr ältere Menschen mehr Gelegenheit zur Ansteckung gehabt haben als jüngere?

Nach Ansicht vieler Experten dürfte eine stärkere Rolle gespielt haben, dass die Virenmenge die übertragen wurde, oft einfach nicht für eine echte Infektion ausreichte, sei es dass die Übertragung im Freien geringer war, sei es weil die Immunreaktion im Sommer viel besser ist.

Mittlerweile steigt auch die Anzahl der hospitalisierten Corona-Patienten wieder stark an, weil sich, wie zu erwarten, mit dem Herbstbeginn mehr Menschen ernsthaft infizieren. Dieser Anstieg ist jedoch weit weniger dramatisch, als die der positiven Tests. Während die Zahl der Hospitalisierten sich von 250 pro Woche Anfang Juli auf 1250 Anfang Oktober verfünffachte wuchs die der Positivtests in dieser Zeit von 2400 auf 26.000 um das Zwölffache.

Falsche Rekorde

Nun wird mit täglichen Rekordzahlen von „Neuinfizierten“ Alarmstimmung erzeugt, noch nie seien an einen Tag so viele gemeldet worden. Dies ist jedoch völlig irreführend. Mit der aktuellen Anzahl von Tests und gleicher Teststrategie wären die Fallzahlen im Frühjahr selbstverständlich um ein Vielfaches höher gewesen. Wenn man davon ausgeht, dass die Sterblichkeit von Infizierten heute sich nicht wesentlich von der damaligen unterscheidet, kann man diesen Faktor grob schätzen.

Da es nicht um die Zahl der tatsächlich Infizierten geht, sondern um die Zahl positiver Tests, die bei gleichem Testvorgehen zu erwarten gewesen wäre, kann man dazu das heutige Verhältnis von Covid-19-Sterbefälle zu positiv Getesteten, d.h. die Fallsterblichkeit, heranziehen und auf die jeweilige Zahl von Gestorbenen im Frühjahr übertragen.

Diese Fallsterblichkeit lag den RKI-Lageberichten zufolge im September und Oktober bei ca. 0,5% Gehen wir, um einen evtl. höheren Altersdurchschnitt und schlechtere Behandlungsmöglichkeiten im Frühjahr zu berücksichtigen, von einer etwas höheren Rate von 0,7% aus, so müsste Anfang April, bei 2250 Toten pro Woche, die Zahl der positiven Tests rund 320.000 betragen haben, 45.000 pro Tag ( und, da die Prävalenz, der Prozentsatz der tatsächlich Infizierten, höher war, mit einem geringeren Anteil falsch-positiver Resultate).

Der Anstieg ernsthafter Covid-19-Fälle war nach Ende des Sommers zu erwarten gewesen. Mit dem Herbstbeginn nehmen bekanntlich die Atemwegserkrankungen zu und Covid-19 reiht sich nun einfach ein. Wenn jetzt von Regierung und Medien Leichtsinn, mangelnde Disziplin etc. für den Anstieg der Infektionen gemacht wird, so ist das daher üble Stimmungsmache mit dem von den Versäumnissen der Verantwortlichen abgelenkt wird. Im letzten halben Jahr wäre genügend Zeit gewesen das Vorgehen im Herbst breit, unter Einbeziehung der Parlamente, Ärztevertretern, Experten des Gesundheitswesens wie auch anderer Fachgebiete, wie Psychologen, Sozialwissenschaftler, Ökonomen, Juristen etc., zu diskutieren. Es wäre auch Zeit gewesen in Vorbereitung auf Herbst und Winter, Gesundheitsämter, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen etc. personell aufzustocken.

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