Keine Panzer an die Ukraine ‒ Hasardeure stoppen!

Redebeitrag auf der Kundgebung gegen Panzerlieferungen in Heidelberg am 23.01.2023

Wir stehen heute hier um entschieden gegen die Lieferung von Panzern an die Ukraine zu protestieren.

Wir fordern die deutsche Regierung und die der anderen NATO-Staaten auf, endlich aus der militärischen Logik auszusteigen. Wir fordern sie auf, das Ziel aufzugeben, Russland in einem jahrelangen Krieg niederzuringen, zu „ruinieren“ – in einem Krieg, der auf dem Rücken der UkrainerInnen geführt wird, mit westlichen Waffen, aber mit ukrainischen Soldaten, auf ukrainischem Boden. Wir verlangen, dass Berlin stattdessen sich mit aller Kraft für ein rasches Ende der Kampfhandlungen einsetzt, für Verhandlungen über eine politische Lösung des Konflikts Russlands mit der Ukraine und der NATO.

Dies verlangen auch führende Militärs der USA und NATO. Nach US-Stabschef General Mark Milley und seinem Vorgänger General Michael Mullen auch wieder Ex-Brigade-General und Merkel-Berater Erich Vad sowie General a.D. Harald Kujat, der als Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender des Nato-Militärausschusses einst der höchstrangige deutsche General war.

Diese militärischen Profis wurden beileibe nicht zu außenpolitischen Tauben oder gar Kriegsgegner, sie sind nur Realisten und kennen das Kriegsgeschäft, wie die Kriegstreiber in Berlin. Sie drängen auf Verhandlungen, da Kiew ihrer Einschätzung nicht viel mehr noch gewinnen kann und die Gefahr, dass der Krieg außer Kontrolle gerät, ständig wächst.

Doch von den Grünen, FDP, CDU und den meisten Medien – von ARD und ZDF über die Süddeutsche bis zur FAZ hört man nur noch einen Schrei: „Panzer, Panzer noch mehr Panzer“.

Im April letzten Jahres hat Bundeskanzler Scholz selbst noch, angesichts der Forderungen nach Lieferung schwerer Waffen an die ukrainische Armee vor der Gefahr eines Welt- oder gar Atomkrieges gewarnt. Damals ging es „bloß“ um Artillerie und Haubitzen. Nun ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis er erneut dem Druck aus Washington sowie dem Geheul der Medien und des Stahlhelmflügels in Berlin nachgibt und auch Leopard-Panzer an die Front schicken lässt. Was kommt als nächstes? Tornados? Bundeswehr?

Dabei weiß jeder, dass die Panzer keine Leben reden, wie behauptet wird, sondern im Gegenteil effektivere Waffen nur zu noch mehr Toten und Zerstörung führen ‒ auf beiden Seiten der Front. Denn auch im Donbass schlagen täglich unzählige Granaten und Raketen ein und treffen zivile Ziele ‒ das heißt Wohnhäuser, Fabriken, Schulen, Krankenhäuser. Die Geschosse kommen nun aus NATO-Beständen ‒ noch häufiger, noch tödlicher als in den vorangegangenen acht Jahren.

Spätestens mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten an NATO-Waffen wurde Deutschland, wie seine Verbündeten, eindeutig zur Kriegspartei und der Abwehrkampf der ukrainischen Armee zum Stellvertreterkrieg der NATO gegen Russland. Unabhängig davon, wenn bald Kampfverbände aus NATO-Panzern, besetzt mit von der NATO ausgebildeten ukrainische Soldaten gegen russische Truppen rollen, wird kaum jemand in der russischen Bevölkerung oder außerhalb des politischen Westens, Zweifel daran hegen, wer alles mittlerweile gegen ihr Land im Krieg ist.

Der ukrainische Verteidigungsminister Alexei Resnikow brachte es gut auf den Punkt als er sagte, „Wir führen derzeit die Mission der NATO aus, ohne dass sie eigenes Blut vergießen muss,“

Grüne, SPD, FDP und die Redakteure der großen Medien haben offenbar keinerlei Skrupel, bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen und kennen, wenn es gegen Russland geht, auch keinerlei Tabus mehr. Niemand scheint mehr beim Gedanken zu erschauern, dass 77 Jahre nach Ende des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion bald wieder schwere deutsche Panzer gegen russische Truppen rollen, in Nachfolge der Wehrmachtspanzer „Panther“ und „Tiger“. Die künftigen Bilder vom „Marder“ und vermutlich auch „Leopoard“ vor Charkow oder Donez, werden nicht nur in der russischen Bevölkerung schreckliches Erinnerungen wecken.

Die transatlantischen Hasardeure sind nun offenbar auch darauf aus, zu testen, ab wann die roten Linien Moskaus tatsächlich überschritten sind. Sie nehmen nicht nur Zigtausende weiterer Opfer in Kauf, sondern auch das Risiko einer Ausweitung in einen größeren Krieg, in dem sich Atommächte gegenüberstehen, wie auch die Gefahr nuklearer Katastrophen durch Angriffe auf ukrainische Atomkraftwerke.

Ulrike Guérot und Hauke Ritz haben ihrem Buch „Endspiel Europa – Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist – und wie wir wieder davon träumen können“ ein Zitat von Stefan Zweig vorangestellt, das sehr gut zum aktuellen Geschrei der Bellizisten in Politik und Medien passt.

Beschrieben wird der Beginn des Ersten Weltkriegs, und einiges ähnelt heute der damaligen Zeit, wenn man die Begeisterung sieht, mit der ein großer Teil der Deutschen nun den Krieg gegen die Russen anheizen will, gegen die man wieder ungeniert die alten Feindbilder pflegen darf. Stefan Zweig schrieb:

    »Ich hatte den Gegner erkannt, gegen den ich zu kämpfen hatte – das falsche Heldentum, das lieber die anderen vorausschickt in Leiden und Tod, den billigen Optimismus der gewissenlosen Propheten, der politischen wie der militärischen, die, skrupellos den Sieg versprechend, die Schlächterei verlängern, und hinter ihnen den Chor, den sie sich mieteten, all diese ‚Wortemacher des Krieges‘, wie Werfel sie angeprangert in seinem schönen Gedicht.

    Wer ein Bedenken äußerte, der störte sie bei ihrem patriotischen Geschäft, wer warnte, den verhöhnten sie als Schwarzseher, wer den Krieg, in denen sie selber nicht mitlitten, bekämpfte, den brandmarkten sie als Verräter.

    Immer war es dieselbe, die ewige Rotte durch die Zeiten, die die Vorsichtigen feige nannte, die Menschlichen schwächlich, um dann selbst ratlos zu sein in der Stunde der Katastrophe, die sie leichtfertig beschworen.«   

Stefan Zweig, Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers

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