RKI-Corona-Studie: Lockdown kaum Einfluss auf Ausbreitung des Virus

Unredigierte Fassung des Artikels, der am 25.04.2020 bei Sputnik Deutschland erschien. Die Rechte am Beitrag liegen bei der Sputnik, Übernahme nur mit Angabe von Sputnik als Quelle.

Update 28.4: auch der NDR und darauf basierend der SPIEGEL präsentieren die neue RKI-Statistiken und erwähnen dabei, dass diese nun einen Rückgang der Fallzahlen vor dem 23. März zeigen. Hinweise auf Widersprüche dagegen s.u..

Bundeskanzlerin Merkel wertete auf der Pressekonferenz am 20. April den Rückgang der Covid-19-Infektionen als Ergebnis der rigiden Kontaktbeschränkungen. Berechnungen der obersten, für die Gesundheit zuständigen Bundesbehörde, des Robert Koch-Instituts (RKI), sprechen jedoch eindeutig dagegen. Ein verbessertes Verfahren zur „Schätzung der aktuellen Entwicklung der SARS-CoV-2-Epidemie“, das das RKI am 15. April in seinem Epidemiologisches Bulletin 17|2020 vorstellte,[1] bestätigt, was viele Experten vorhergesagt haben: die strengen Kontaktsperren tragen wenig zur Eindämmung bei.

Auch wenn in Politik und Medien der Verlauf der täglich veröffentlichten Fall-Zahlen eine große Rolle spielt, sagt dieser wenig über das tatsächliche Infektionsgeschehen aus. Zum einen wird nur ein Teil der Infizierten erfasst, da, wie auch das RKI ausführt, nicht alle infizierten Personen Symptome entwickeln, nicht alle die Symptome entwickeln eine Arztpraxis auf suchen, nicht alle die zum Arzt gehen, getestet werden und nicht alle die positiv getestet werden, auch in einem Erhebungssystem erfasst werden. Tatsächlich deutet eine Reihe von Studien darauf hin, dass die Gesamtzahl der bisher Infizierten zwischen 3 und 20 Mal so groß ist, wie die der Erfassten.[2]

Zum anderen verzerrt auch die mehr oder weniger große Zeit zwischen einer Infektion bzw. dem sichtbaren Beginn einer Erkrankung und dem Tag der Erfassung des Falls massiv die Ausbreitungskurve. In der Regel dauert es laut RKI 5 bis 10 Tage bis ein Fall in ihrem System Eingang findet. Das gilt nicht nur für die vom RKI veröffentlichten Zahlen, sondern grundsätzlich auch für die anderer Institutionen, wie die Johns Hopkins Universität. Denn mehr noch als der Meldeverzug, der das RKI etwas hinterher hinken lässt, trägt die für Diagnose und Testdurchführung in den Laboren benötigte Zeit zum Verzug bei, da auch an Wochenenden oder wegen Mangel an Test-Kits, Blutproben mehrere Tage liegen bleiben können.

Um den tatsächlichen zeitlichen Verlauf des Infektionsgeschehens abzubilden, müsste man in den Kurven, die Anzahl der an einem bestimmten Tag erfolgten Infektionen wiedergeben, statt der an einem Tag gemeldeten bzw. erfassten. Da der genaue Infektionszeitpunkt aber selten bekannt oder ermittelbar ist, nutzt das RKI das Erkrankungsdatum, d.h. das Datum der ersten Symptome, als geeignetsten zeitlichen Parameter.

Das Erkrankungsdatum ist allerdings nur in knapp Zweidrittel (62,5 %) der Fälle in den Meldungen der Gesundheitsämter angegeben. Um ein möglichst vollständiges Bild des Infektionsgeschehens zu erhalten, schätzen die RKI-Wissenschaftler daher die fehlenden Angaben. Sie nutzen dazu gängigen statistischen Verfahren zur Ergänzung fehlender Werte, sogenannte „Missing-Data“-Methoden.

Je mehr man zum aktuellen Datum kommt, desto mehr fehlen,allerdings Fälle, weil sie noch nicht gemeldet wurden. Dadurch würde die Kurve hinten heraus fälschlicher Weise zu tief abfallen. Diesen Fehler versucht man ebenfalls mit statistischen Mitteln zu korrigieren, die in Anlehnung an die Forecasting genannten Vorhersagen für die Zukunft, „Nowcasting“ genannt werden.

Die so ermittelten Verlaufskurven beginnen nach einen exponentiellen Anstieg schon nach dem 9.3. abzuflachen. Ab dem 19.3. geht die Zahl der Neuinfektionen bereits stark zurück, d.h. schon 4 Tage vor den am 23. März verordneten Kontaktsperren, wie Ausgangsbeschränkungen, Schließung von Freizeit- und Sporteinrichtungen, Restaurants etc. Der Rückgang beschleunigte sich nach dem 23. März kaum.

Anzahl neuer SARS-CoV-2-Fälle in Deutschland nach Datum des Erkrankungsbeginns
Geschätzte Entwicklung der Anzahl von neuen SARS-CoV-2-Fällen in Deutschland (Nowcast) aufgrund teilweise  imputiertem Datum des Erkrankungsbeginns und adjustiert für Diagnose- und Meldeverzug mit 95 %-Prädiktionsintervallen (95%-PI). Die gestrichelten vertikalen Linien kennzeichnen den Start bestimmter Maßnahmen am 9. März, 16. März und 23. März (Robert Koch-Institut, Epid. Bulletin 17|2020, 15.4.2020, Abb. 2)
wie oben, aber bis 16.04.2020 (RKI Lagebericht zu COVID-19, 20.4.2020, Abb. 6)

Deutlicher noch zeigt der Verlauf, der mit nachgebesserten Daten berechneten Reproduktionszahl „R“ die geringe Wirkung des „Shutdowns“. Diese verzeichnet schon ab dem 12. März einen starken Rückgang, ging am 19. März auf unter 1 zurück und pendelt seither unbeeindruckt von den Kontaktsperren zwischen 0,8 und 1,0. (Einen ähnlichen Verlauf zeigen auch die Grafiken des Instituts für Statistik der LMU München – mit einem selbst berechneten „Nowcast“ – für Bayern.)

Schätzung der effektiven Reproduktionszahl R für eine angenommene Generationszeit von 4 Tagen. (Robert Koch-Institut, Epid. Bulletin 17|2020, 15.4.2020, Abb. 4)

Das Abflachen des Rückgangs von R ab dem 15. dürfte auf die massive Ausweitung der Test zurückzuführen sein. In der Woche zuvor waren knapp 130.000 Tests durchgeführt worden, in Woche darauf rund 350.000, d.h. 2,7 mal so viel. In ihrem Bericht zur Methodik weisen die RKI-Wissenschaftler auch auf den Effekt hin, dass „durch stärkeres Testen ein insgesamt größerer Teil der Infektionen sichtbar wird und „der dadurch bedingte Anstieg der Meldezahlen“ dazu führen könne „dass der aktuelle R-Wert das reale Geschehen etwas überschätzt.“

3 Tage vor Beginn des Rückgangs der Reproduktionszahl, am 9. März, waren die ersten Maßnahmen ergriffen worden. Es waren Maßnahmen, deren Notwendigkeit völlig unstrittig ist, wie das Verbot von Großveranstaltungen und Appelle, Besuche von Verwandten, Kneipen etc. einzuschränken, keine großen Parties zu feiern usw.. An Covid-19 Erkrankte wurden isoliert und betroffene Schulklassen oder Abteilungen von Firmen für 2 Wochen nach Hause geschickt. Viele, über die Erkrankung informierte Kontaktpersonen gingen in freiweillige häusliche Quarantäne.
Firmen hatten zudem begonnen, größere Teile ihrer Belegschaft ins Home Office zu schicken, sowie wegen Lieferengpässen und Absatzrückgang ihre Produktion herunterzufahren und erste Werke zu schließen. Zuvor schon war die Bevölkerung aufgerufen worden, sich an die Hygiene-Empfehlungen zu halten. Offensichtlich geschah all dies mit durchschlagendem Erfolg.

c’t-Redakteur Andreas Stiller, der in seinem Beitrag auf Heise Online ebenfalls auf den „mäßigen Einfluss“ der Kontaktsperre hinweist, sieht einen „starken Einfluss der Schulschließung am 16. März.“ Tatsächlich zeigen die am 16. März verhängten Maßnahmen schon deutlich weniger sichtbare Auswirkungen auf die Verbreitung des Virus. Zwar begann drei Tage danach die Zahl der neu Infizierten zu sinken, doch ob dies auch ohne weitere Maßnahmen geschehen wäre, nur etwas verzögert, ist schwer zu sagen. Auf alle Fälle lässt sich daraus kein bedeutender Gewinn durch die Schließung von Schulen und Kindergärten oder der von Kultur- Bildungseinrichtung, Kinos, Sportstätten, Bäder und anderen Freizeiteinrichtungen ableiten. Die RKI-Zahlen bestätigen so eher eine Studie, die Anfang April im medizinischen Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurde und die zum Ergebnis kam, dass Schulschließungen nur wenig zur Eindämmung von Coronaviren beitragen, sie könnten nur 2-4% möglicher Todesfälle verhindern.[3]

Einen weit größeren Effekt dürfte die Schließung vieler Produktionsstätten ab Mitte März gehabt haben, da hier Erwachsene aller Altersgruppen z.T. zuvor sehr lange recht eng zusammen kamen.

Da die tatsächliche Zahl von Infizierten wesentlich höher ist als die vom RKI erfassten, können die Berechnungen des RKI allerdings auch die reale Stärke des Rückgangs nur annähernd wiedergeben. Doch da die Zahl der identifizierten Fälle trotz stetiger Ausweitung der Tests deutlich sank, dürften die RKI-Zahlen den Verlauf tendenziell richtig wieder geben. Die tatsächliche Gesamtzahl der Neuinfizierten ging vermutlich sogar eher stärker zurück.

Upd: Prof. Gerard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung widerspricht auf Basis der eigenen Schätzung der Reproduktionszahl, einem Rückgang der Infektionen vor dem 23. März. Ihren Berechnungen zufolge ging R erst ab dem 6. April unter 1,0. Allerdings beruhen diese auf dem Meldedatum. Die Diagramme der Technische Universität Ilmenau wiederum weisen wie das RKI schon vor dem Lockdowns Wert um 1.0 aus. Sie berechnen R zwar für das Infektionsdatum, schätzen dieses aber einfach als Meldedatum minus 7. Dadurch ergeben sich starke Schwankungen um die Wochenenden.
Der ARD-Faktenfinder will auch der Schlussfolgerung etwas entgegensetzen, R sei auch ohne Lockdown unter die magische Grenze gefallen, kann aber nur anführen, dass „die Zahl dauerhaft unter eins liegen“ müsse.

Letztlich bestätigen die neuen Statistiken des RKI nur, was sich am Beispiel Schweden auch empirisch nachweisen lässt. Obwohl man dort, statt auf staatlich verordnete drastische Beschränkungen, auf freiwillige Einhaltung von Schutzmaßnahmen setzte, Grundschulen, Läden, Restaurants, Freizeitenrichtungen etc. geöffnet ließ, nimmt die Epidemie dort keinen schlechteren Verlauf als in Deutschland.

Viele Experten hatten davor gewarnt, dass die sozialen Kosten eines Shutdowns den Nutzen überwiegen werden. Doch nach wie vor lassen sich weder Kanzlerin Merkel noch andere führende deutsche Politiker von den neuen Berechnungen des RKIs oder vom Beispiel Schweden beeindrucken. Konnte man zu Beginn der Epidemie, aufgrund der damals noch herrschenden großen Unsicherheiten, noch Verständnis für überzogene Maßnahmen haben, so erscheint nun die weitgehende Beibehaltung angesichts dieser und weiterer Erkenntnisse, die für eine gewisse Entwarnung sorgen könne und den massiven sozialen und wirtschaftlichen Folgen, nicht nur unverhältnismäßig sondern verantwortungslos.

Die Bundesregierung plant erst jetzt, die Gesundheitsbehörden mit ausreichend Personal auszustatten, um, wie in Südkorea, gezielt Kontaktpersonen von Erkrankten ermitteln und unter Quarantäne stellen zu können. Stattdessen geht sie gemeinsam mit den Landesregierungen den für sie den einfacheren, populistischen Weg und legt auch in den kommenden Wochen der gesamten Bevölkerung strenge Kontaktbeschränkungen auf. Den größten Mangel in Deutschland scheinen wir nicht an Schutzmasken und Klopapier zu haben, sondern an politischem Willen, Tatkraft und Organisationstalent.

Die Nachrichtenagentur Sputnik bietet ein wesentliches breiteres Spektrum an Informationen zum Thema als die meisten anderen professionellen Medien, auch linke wie die junge Welt, wo vom Mainstream abweichende Einschätzungen von Experten kaum präsent sind, ungeachtet deren fachlicher Reputation.


[1] Schätzung der aktuellen Entwicklung der SARS-CoV-2-Epidemie in Deutschland – Nowcasting, Epidemiologisches Bulletin 17 | 2020, 15. April 2020

[2] s. z.B. Heimliche Ausbreitung: Auf jeden bestätigten Corona-Fall kommen bis zu zehn unentdeckte , SPIEGEL,18.03.2020 und  COVID-19: Wo ist die Evidenz?, Stellungnahme des Netzwerkes „Evidenzbasierte Medizin“ EbM  vom 20.03.2020

[3] School closure and management practices during coronavirus outbreaks including COVID-19: a rapid systematic review, The Lancet, 6. April 2020

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