Über Schutzmasken, schwedische Abwege und „gemeingefährliche Virologen“

Ketzertum“ in Zeiten von Corona: wütende Abwehr abweichender Einschätzungen statt inhaltlicher Auseinandersetzung

Die Debatte um den Umgang mit Corona-Pandemie wird, wie es scheint, meist als Glaubenskrieg geführt. Die, die sie für völlig aufgebauscht halten, verbreiten nur das, was ihre Sichtweise stützt, andere – nur noch die steigenden Fall- und Todeszahlen im Blick – stets nur die Informationen und alarmierenden Nachrichten, die die strengen „Lockdown“-Maßnahmen rechtfertigen. Statt unterschiedliche Einschätzungen von Wissenschaftlern als Teil einer Debatte zu sehen, die zu einem besseren und breiter akzeptierten Verständnis der Sachlage führt, werden von letzteren auch anerkannte Experten, die zu einem maßvolleren, verhältnismäßigeren Vorgehen mahnen, schon als gefährliche, ketzerische Corona-Abwehrzersetzer qualifiziert.

Häufig wird ihnen geraten, sich doch zunächst mal in ein überfülltes Krankenhaus in Bergamo, Madrid oder New York zu begeben bevor sie die irgendwelche Maßnahmen in Frage stellen. Dabei stellen die wenigstens die Gefährlichkeit des neuen Virus in Frage, insbesondere nicht in den besonders betroffenen Hotspots, sondern plädieren für ein gezielteres Vorgehen dagegen. Zudem sollte man an sich nicht weniger betroffen sein, wenn, wie in stärkeren Grippewellen oft der Fall, Zigtausende an Influenza erkrankte die Krankenhäuser an ihre – durch die Sparmaßnahmen der letzten Jahrzehnte drastisch gesenkten – Kapazitätsgrenzen bringen.

Befremdlich ist auch, wie wenig die so sehr um die Corona-Erkrankungen Besorgten, sich um die Folgen des Lockdowns für viele Menschen kümmern: z.B. für prekär Beschäftige, die der Wegfall ihrer Einkünfte in existentielle Not stürzt, Obdachlose ohne Hilfe, Pflegebedürftige ohne Betreuung …. (s. z.B. Susan Bonath, Gefahr im Verzuge: Verelendung im Eiltempo, jW,1.4.2020 u. Jens Berger, Der Lockdown ist auch eine Klassenfrage, 9.4,2020) Armut, Depressionen, verzögerter Gang zum Arzt etc. senken die Lebenserwartung drastisch und könnten mittelfristig mehr Menschen töten, als jetzt gerettet werden.

„gemeingefährlicher Virologe“

Solche Angriffe auf „ketzerische“ Experten findet man nicht nur in den Mainstreammedien, sondern auch in ansonsten guten und kritischen Zeitungen und Portalen. So u.a. bei Telepolis, wo z.B. Alexander Unzicker den Virologen Hendrik Streeck als „gemeingefährlichen Virologen“ bezeichnet – dies, wie es scheint, ohne sich die Sachlage noch einmal genauer angesehen zu haben.

So ist seine Reaktion auf die Bemerkung Streecks, dass Gesichtsmasken nur hilfreich sind, wenn sie der Infizierte trägt, für einen Physiker recht verwunderlich:

„Man halte sich die Absurdität der Behauptung vor Augen, die Maske schütze, wenn der Infizierte sie trägt, aber nicht umgekehrt: Der Maskenstoff wäre dann also dann von rechts nach links für Tröpfchen durchlässig, aber nicht von links nach rechts?“

Denn diese „Absurdität“ ist recht einfach zu erläutern: Die Maske vor dem Gesicht eines Infizierten hält natürlich seine Tröpfchen beim Husten, Niesen oder Reden wirksam zurück. Sie bleiben zwar nun am Maskenstoff kleben, da sie ggbf. nur die eigenen Viren enthalten, ist dies kein Problem. Im umgekehrten Fall hält die Maske tatsächlich zunächst auch – wenn sie gut sitzt – den größten Teil der Tröpfchen und Partikel mit Viren zurück, die einem von einem Infizierten zugeschleudert werden.

Doch je länger sie auf der Maske verbleiben, desto mehr von ihnen dringen doch durch den Stoff, insbesondere wenn er vom Atem feucht wird. Sobald der Stoff durchfeuchtet ist, ist es mit dem Schutz vorbei. Das bedeutet, um wirksam zu sein, müsste man die Maske ständig in relativ kurzen Abständen wechseln. Doch auch dann schützen Masken nicht vor Infektionen über die Augen. Wenn man einmal, z.B. weil es juckt, den Stoff vor der Nase anfasst und sich etwas später die Augen reibt, ist der Schutz ebenfalls hinfällig.

Streeck und anderen Medizinern, die – wie auch die WHO – keine größeren Schutz vor Ansteckung durch Masken sehen, wirft Unzicker sehr selbstsicher vor, ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Er hatte ein paar Studien gefunden, die einen Schutz von (medizinischen) Masken in Kliniken nachweisen. Wenn dort, wie vorgeschrieben, die Masken alle 2 Stunden gewechselt werden, ist dies nicht verwunderlich. Es gibt jedoch auch eine Reihe von Studien, die den Schutz bei Versuchsgruppen aus der allgemeinen Bevölkerung testeten. (Die neuste hier: Physical interventions to interrupt or reduce the spread of respiratory viruses. Part 1 – Face masks, eye protection and person distancing). Hier war keine Schutzwirkung zu erkennen. Offensichtlich hat nicht Prof. Streeck, seine Hausaufgaben nicht gemacht, sondern der sich ereifernde Autor. Wirksam wären die Masken natürlich dann, wenn jeder welche tragen würde –  dafür fehlen aber die Kapazitäten. (Einen guten Überblick über das Für und Wider von Atemschutzmasken gibt ein Faktencheck des Tagesspiegel)

Der „gemeingefährliche“ Streeck wiederum, seit 2019 als Nachfolger von Christian Drosten Professor für Virologie an der Uni Bonn und Direktor des Instituts für HIV-Forschung, gehört zu den wenigen deutschen Experten, die nicht nur Einschätzungen zum Besten geben, sondern sich tatkräftig darum bemühen, durch genaue Untersuchungen eine bessere Datenlage und Verständnis für die Seuche zu erhalten.

Er tut mit den bescheidenen Mitteln seines Instituts das, was das RKI und die Bundesregierung schon hätte veranlassen sollen: er führt eine repräsentative Untersuchung durch, wenn auch nur im Kreis Heinsberg, wo es besonders viele Corona-Fälle gibt.

Schweden auf Abwegen

In einem weiteren Artikel vom gleichen Tag schließt Telepolis sich dem Missmut deutscher Medien über den lockeren Umgang Schwedens mit der Pandemie an und unken, das schwedische Experiment scheint schief zu gehen.

Schwedens „Staatsepidemologe“ Anders Tegnell „wolle eine Herdenimmunität kontrolliert zulassen“, schreibt Jens Mattern im vorwurfsvollen Ton.

„Die Alten und Menschen mit gewissen Erkrankungen sollen geschützt werden, das restliche Leben soll jedoch normal weiter gehen. Dies führt dazu, dass sich die normale Bevölkerung langsam infiziert. Großbritannien und die Niederlande sind von diesem Weg bereits abgerückt, es bleibt allein Schweden.

Dort sind bislang die Grundschulen, die Restaurants weiter geöffnet, EU-Bürger dürfen einreisen. Die großen Städte sind nicht leer wie etwa in anderen Metropolen Europas, die Menschen auf den Straßen und in anderen öffentlichen Räumen halten wenig Abstand zueinander.“

Für Mattern scheint, wie für viele Journalisten, ein Zusteuern auf „Herdenimmunität“ ein Synonym für Verantwortungslosigkeit zu sein. Offenbar hängt auch der Vorstellung nach, mit einem Lockdown die Ausbreitung vollständig stoppen zu können, noch bevor ein nennenswerter Teil der Bevölkerung sich infizierte. Bei einem weltweit verbreiteten neuen Erreger, der bereits sehr viel mehr Menschen unbemerkt infiziert hat, als registriert wurden, ist das illusorisch.

Tatsächlich laufen alle Eindämmungskonzepte letztlich nur darauf hinaus, die Ausbreitung des neuen Erregers soweit zu bremsen, dass die Zahl schwerer Erkrankungen die Krankenhäuser nicht überfordert werden. Realistisch gesehen, können die Maßnahmen jedoch, ohne Immunisierung eines größeren Teils der Bevölkerung erst beendet werden, wenn ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Das Ziel der schwedischen Verantwortlichen unterscheidet sich daher keineswegs, von dem Großbritanniens, der Niederlande oder Deutschlands. Sie versuchen nur, sich dabei auf die wirklich effektiven Maßnahmen zu konzentrieren und setzen statt auf autoritäre Zwangsmaßnahmen auf freiwillige Einhaltung von Maßnahmen, wie Hygiene und Kontaktreduktion. Im Unterschied zu Deutschland, hat man hier offensichtlich auch die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen im Blick. So entgegnet Johan Carlson, der Chef des schwedischen Gesundheitsamts den Vorwürfen sie würden viel zu lasch vorgehen, dass es aus ihrer Sicht viel mehr „ein sehr, sehr kniffliges Experiment“ sei, „ein ganzes Volk für vier bis fünf Monate einzuschließen.“

Als Zeichen, dafür, dass das schwedische Experiment schief zu gehen scheint, sieht Martens die im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarn höhere Zahl an Corona-Toten. Doch wie erklärt er sich dann, dass sie in Schweden viel weniger Tote als z.B. die Niederlande oder die Schweiz pro Einwohner zu beklagen haben? Tatsächlich sagt ein Vergleich der Sterblichkeitsraten zum jetzigen Zeitpunkt gar nichts aus, da die Epidemie in den Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten startete.

Ein sinnvolleres Maß ist, trotz eventueller unterschiedlicher Altersstrukturen und Zählweisen, die Geschwindigkeit, mit der die Zahl der Covid-19-Todesfälle zunimmt. Schaut man sich jeweiligen die Kurven an, so sieht man, dass die Zunahme in Schweden vergleichbar ist, mit der bei uns oder in Norwegen.

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