Strukturen der irakischen Befreiungsbewegung

erschien zweiteilig in junge Welt vom 22.9. und  24.9.2007
Der 3. Teil über „Realistische Lösungsansätze“ und das „politische Programm des Widerstands“ erschien erst, stark gekürzt, am 3. März 2008. Da sich die Vereinheitlichung des irakischen Widerstand fortgesetzt hat, gibt es zudem noch ein Update mit Stand Oktober 2007.
Alles zusammen gibt es auch als PDF-Dokument unter dem Titel „Irak – Alternativen zu Krieg und Besatzung“ im Drucklayout

Gegen Besatzer und terroristische Banden


Teil 1: Ziviler und bewaffneter Widerstand

Viel wird täglich über den Irak berichtigt, wenig davon ist allerdings geeignet, sich ein realistisches Bild von den Verhältnissen im Irak zu machen. Meist werden die fürchterlichen Lebensbedingungen und die Gewalteskalation auf alles mögliche zurückgeführt, nur nicht auf eines – die Besatzung selbst. Zu diesem Schluss kamen auch dreißig Friedens- und Menschenrechtsgruppen in einem vor kurzen veröffentlichten Bericht über Krieg und Besatzung im Irak.[1] Obwohl die Besatzung die zentrale politische Realität im Irak sei, verschwinde im westlichen Diskurs die beherrschende Rolle der Besatzungsmacht im Land und die von Besatzungstruppen ausgeübte Gewalt völlig im Hintergrund.

Im Bemühen, die zentrale Verantwortung der Besatzungsmacht für den Großteil von Gewalt, Korruption und konfessionelle Spannungen herauszustreichen, liefert der unter Federführung des Global Policy Forum verfaßte Report einen sehr guten, auf zahlreiche Quellen gestützten Überblick über den brutalen Krieg der USA und ihrer Verbündete gegen ihre Gegner im Land. Einem Krieg dem bereits Hunderttausende zum Opfer fielen und der die irakische Gesellschaft systematisch zerstörte.

Irakische Guerilla zerstört einen US-Konvoi: Nur acht Prozent aller Anschläge richten sich auf zivile Ziele (Abu Ghraib 2004) Foto: AP

So schräg wie die Darstellung der irakischen Verhältnisse ist auch das Bild, das westliche Medien und Expertengruppen von den Kräften zeichnen, die sich den US-Plänen im Zweistromland entgegenstellen. Nicht nur der bewaffnete Widerstand wird pauschal als Terror diffamiert. Da das Fortbestehen der Besatzung ausgeblendet und der von den USA initiierte „politische Prozess“ als alternativloser Weg hingestellt wird, hin zu einem, wenn schon nicht demokratischen, so doch wenigstens stabilen Irak, erscheinen alle Gegner durchweg als fanatische Extremisten, als Saboteure des Friedens und der Demokratie.

Die meisten Iraker sehen hinter dem „politischen Prozess“ jedoch ganz klar die US-amerikanischen Pläne, ihr Land dauerhaft in einen abhängigen Vasallenstaat zu verwandeln, eine permanente militärische Präsenz aufzubauen und ausländischen Konzernen den Zugriff auf ihr Öl zu sichern. Die überwiegende Mehrheit lehnt, wie alle Umfragen zeigen, diese Pläne rigoros ab und will vor allem eines: den Abzug der Besatzer.

Wie der NGO-Report zeigt, führte dieser „politische Prozess“ zu einem abhängigen Regime, getragen von extremistischen Parteien, die im Windschatten der Besatzung ihre separatistischen bzw. sektiererisch-islamistischen Ziele verfolgen. Die Milizen dieser Parteien stellen das Gros der Sicherheitskräfte und werden für einen großen Teil der Gewalt im Land verantwortlich gemacht. Dieses Regime, in dem Repression, willkürliche Verhaftungen, Folter und Exekutionen alltäglich sind, hat die Opposition gegen die Besatzung massiv verstärkt. Um sie zu brechen, griff die Besatzungsmacht zu immer massiveren und brutaleren Methoden der Aufstandsbekämpfung, die wiederum ganz selbstverständlich immer größere Teile der Bevölkerung erst Recht in den aktiven Widerstand trieben. Befürworteten laut Umfragen westlicher Institute anfänglich nur ein knappes Fünftel aller Iraker bewaffnete Angriffe auf die Besatzer, so waren es im Herbst letzten Jahres nach diesen, eher konservativen Schätzungen bereits fast zwei Drittel, unter den Sunniten lag der Anteil sogar bei 91 Prozent.[2] Die Besatzer sehen sich offensichtlich einem regelrechten Volksaufstand gegenüber.

Ohne breite Unterstützung wäre ein so massiver Widerstand auch gar nicht möglich. Der Irak bietet kein günstiges Terrain für einen Guerillakrieg, es gibt kaum Berge und keinen Dschungel. Deckung vor einem Gegner, der jeden Quadratmeter mit seiner hochentwickelten Elektronik überwachen kann, kann hier nur die Bevölkerung geben. Wie in anderen Ländern zuvor umfasst dieser Widerstand die ganze Breite der Gesellschaft, darunter einige Kräfte, die zu illegitimen Mitteln greifen, rücksichtslos Gewalt ausüben oder in blinder Wut auch Unschuldige angreifen, und kriminelle Elemente, denen der Widerstand nur als Fassade dient. Es gibt keinen Grund, die irakische Bewegung zu idealisieren, genauso wenig aber auch, sich pauschal von ihr zu distanzieren. Schließlich waren es die immer effektiveren Angriffe des „Al Muqawama al Sharifa“, des „ehrenwerten Widerstandes“, wie er im Irak in Abgrenzung zu terroristischen Gruppen genannt wird, die innerhalb von vier Jahren die mächtigste Armee der Welt bereits an den Rand einer Niederlage brachten und das globale Kräftegleichgewicht deutlich veränderten. Wer realistische Lösungsansätze diskutieren will, kommt nicht umhin, sich vorurteilsfrei mit der vielgestaltigen Widerstandsbewegung und ihren Zielen zu befassen. 

»Al Qaida« im Irak

Wollten westliche Medien im bewaffneten Widerstand bisher meist nur ein unheilvolles Sammelsurium aus fanatischen „Saddam-Anhängern“ und „islamistischen Terroristen“ sehen, so scheint es die US-Armee nach den neuesten Berichten auch im Irak nur noch mit »Al Qaida«  zu tun zu haben. Eine Gruppe, die sich „Organisation der Al Qaida in Mesopotamien” nennt, gibt es tatsächlich, der Bezug auf den Namen ist allerdings rein ideologisch, sie wird keineswegs von außen gesteuert. Generell ist die Zahl fremder Kämpfer im Irak ziemlich gering, wie z. B. die Zahl ausländischer Gefangenen zeigt. Gerade einmal 137 der offiziellen 19.000 „Aufständischen“, die in US-Gefangenschaft sind, kommen wie Recherchen der Los Angeles Times vom 15. Juli 2007 ergaben, aus dem Ausland. [3]

„Al Qaida in Mesopotamien“ hat sich mit gleichgerichteten Terrorgruppen zusammengeschlossen und im Herbst letzten Jahres ein „islamisches Emirat im Irak“ proklamiert. Zusammen bekämpfen sie nicht nur die westlichen Truppen, sondern auch alle, die ihr radikales Verständnis des Islam nicht teilen. Insbesondere betrachten sie Schiiten als Ketzer und geben ihnen eine Mitschuld an der Präsenz der westlichen Truppen in der Region. Diese, im Irak „Takfiri“ (Leute die andere Muslime als Ketzer behandeln), genannten sunnitischen Extremisten, werden daher wohl zu Recht für einen guten Teil der verheerenden Anschläge auf schiitische Zivilisten verantwortlich gemacht.

Auch wenn sich diese Gruppen selbst zum Widerstand zählen – die überwiegende Mehrheit der Iraker tut dies nicht. Sie passen jedoch bestens in das Bild, das man hier von den Aufständischen pflegt; ihre Stärke wird daher meist stark übertrieben. Die Anzahl der Angriffe auf Besatzungstruppen, die tatsächlich von diesen Gruppen durchgeführt werden, ist relativ gering. Anschläge auf zivile, ungeschützte Ziele führen zwar zu viel mehr Opfern, erfordern aber keine starken militärischen Kräfte.[4]

Zahl bewaffneter Angriffe von „Aufständischen“ 
August 2003 – Juli 2006
Zahl bewaffneter Angriffe von "Aufständischen" August 2003 - Juli 2006 Quelle: Multinational Force-Iraq (MNF-I), Juli 2006
aus „Iraq violence: Facts and figures„, BBC, 29.11.2006 

Die US-Armee selbst macht die von ihr unter »Al Qaida« subsummierten Gruppen für 15 Prozent aller Attacken von „Aufständischen“ und für 80 bis 90 Prozent der Anschläge auf Zivilisten verantwortlich.[5] Da sich nach anderen Statistiken der US-Führung vor Ort, nur sechs bis acht Prozent aller Angriffe auf zivile Ziele richten, lassen auch diese US-eigenen Zahlen nur den Schluss zu, dass »Al Qaida« und Widerstand zwei völlig verschiedene Dinge sind. Die Angriffe des tatsächlichen Widerstands konzentrieren sich vollständig auf die Besatzer und, in geringerem Maße, auf deren Hilfstruppen.[6]

Durchschnittliche Zahl der wöchentlichen Angriffe
Quelle: Multinational Force-Iraq (MNF-I), Juni 2007 aus: “Measuring Stability and Security in Iraq” — Report to Congress, Department of Defense, June 2007 *) FAQ: „Operation Fardh al-Qanoon“ (New Way Forward)

Der nationale Widerstand hat vor allem ein Ziel: die Besatzer aus dem Land zu treiben. Dafür benötigen sie breite Unterstützung innerhalb der gesamten Bevölkerung und nicht deren Spaltung. Die meisten Widerstandsgruppen haben sich daher stets von terroristischen und sektiererischen Aktionen distanziert und bekämpfen seit zwei Jahren die Organisationen, die dafür verantwortlich sind, auch aktiv (siehe jW v. 3.3.2006, S. 10 f.).Sie machen keinen Hehl daraus, das viele zu Beginn der Besatzung die radikalen Islamisten als kompromisslose Kämpfer gegen die fremdem Truppen begrüßt haben. Bald stellten die lokalen Kräfte und Guerillagruppen jedoch fest, dass diese den irakischen Kriegsschauplatz für ihre eigenen universellen Ziele missbrauchen und zu unakzeptablen Mitteln greifen, die dem Widerstand erheblich schaden.[7]

Die Besatzungsgegner müssten nun zwei Kämpfe führen, so ein Sprecher der »Vereinigung der islamischen Religionsgelehrten«, einen „gegen die Besatzer und den von ihnen eingesetzten Regierungsapparat“ und einen „gegen die terroristischen Banden“. Durch Aufklärungsarbeit über den „wahren Charakter der bewaffneten Gruppen, die im Namen der Religion und des Widerstands töten“, sei es gelungen, so ein Stammesführer aus Ramadi, die logistische Unterstützung dieser Elemente durch Einwohner in ihrer Region zu unterbinden.[8] 

Mitte April 2007 haben sich schließlich die wichtigsten bewaffneten Organisationen darauf verständigt, in Zukunft vereint gegen die sunnitischen Extremisten vorzugehen. Vertreter von neun großen Gruppierungen darunter die »Brigaden der Revolution von 1920« und die »Islamische Front des irakischen Widerstands« trafen sich außerhalb des Iraks und gründeten ein „Koordinationsbüro für den irakischen islamischen und nationalen Widerstand“.[9] Die größte Guerillaorganisation, die »Islamische Armee Iraks« war verhindert, signalisierte aber ihre Mitarbeit. 

Gewerkschafter gegen Besatzer

Wenn von Widerstand die Rede ist, wird dieser meist auf den bewaffneten Teil reduziert. Es gibt jedoch trotz heftiger Verfolgung und Repression, trotz der Gefangennahme von Zehntausenden mutmaßlicher Besatzungsgegner, dem Einsatz der Folter und dem Wüten von Todesschwadronen eine sehr aktive zivile Opposition gegen die Besatzung. Dazu zählen Gewerkschaften, politische Parteien, Frauen-, Studenten-, Arbeitslosenorganisationen und vieles mehr.

Zu den bedeutendsten Organisationen zählt die »Vereinigung der islamischen Religionsgelehrten im Irak«, (AMS), die höchste religiöse sunnitische Instanz im Irak. Deren politische Plattform ist stärker nationalistisch als religiös orientiert; ihr zentrales Konzept ist daher auch nicht der „Dschihad“, sondern „Al Muqawama al Sharifa“, das arabisch-nationalistische Konzept von Widerstand.[10]

Die Organisation für die Freiheit der Frauen im Irak fordert Abzug der US-Armee (Bagdad, 4.9.2004)
Über religiöse Differenzen hinweg: Die »Organisation für die Freiheit der Frauen im Irak« fordert den Abzug der US-Armee (Bagdad, 4.9.2004)

Daneben hat sich u.a. auch die parteiunabhängige „Irakische Föderation der Ölgewerkschaften“ zu einer starken Kraft gegen die US-Politik im Land entwickelt. Anfang Juni beispielsweise legten Streiks gegen das geplante neue Ölgesetz zeitweilig die Ölproduktion im Süden lahm, worauf die Regierung Haftbefehle gegen zehn Gewerkschaftsführer ausstellen ließ und drohte, mit „eiserner Faust gegen die „Saboteure“ vorzugehen.[11] 

Eine Dachorganisation, die einen guten Teil all dieser Kräfte zusammenfasst, ist der »Irakische Nationale Gründungskongress«. Er wurde im Mai 2004 nach dem Vorbild des »Afrikanischen National Kongress« (ANC) gegründet. Er vereint über hundert Organisationen und zahlreiche prominente Persönlichkeiten. Unter ihnen sind religiöse Kräfte aller Konfessionen, darunter auch die bereits erwähnte »Vereinigung der islamischen Religionsgelehrten«, und auch säkulare, nationale und linke Gruppierungen, Gewerkschafter, Menschenrechtsaktivisten und Universitätsprofessoren, Stammesführer etc. Einbezogen sind sowohl Kräfte die Großayatollah Al Sistani oder Muktada Al Sadr nahe stehen, als auch welche die Beziehungen zum bewaffneten Widerstand haben. 

Nationale Grundeinstellung

Die Grenzen zwischen zivilem und bewaffnetem Widerstand sind in vielen Gegenden nicht so eindeutig, wie man vermuten könnte. Nach der Invasion haben sich in vielen Städten und ländlichen Gegenden lokale Strukturen herausgebildet, die versuchen, ihr Gebiet so weit wie möglich unter eigener Kontrolle zu halten. Da nach der Auflösung von Polizei und Armee die Sicherheit und Ordnung völlig zusammengebrochen war, wurden zum Schutz gegen Kriminelle und feindliche Kräfte Bürgerwehren aufgestellt. Diesen standen bald auch Besatzungstruppen gegenüber, wenn diese beispielsweise versuchten, Razzien durchzuführen. Daraus entwickelten sich immer wieder heftige Kämpfe, in die teilweise auch Guerillaeinheiten eingriffen (siehe jW v. 7.4.2007, S. 3). Solche widerspenstigen Viertel in den Griff zu bekommen, ist auch das wesentliche Ziel der seit Sommer letzten Jahres ständig intensivierten US-Offensive in Bagdad. 

In diesen lokalen Strukturen haben die zahlreichen Guerillagruppen, die den Kern des bewaffneten Widerstands bilden, zum guten Teil ihre Basis. Waren es zu Beginn Hunderte, so wird der Widerstand mittlerweile von einigen wenigen großen Organisationen mit guter Kommunikation untereinander dominiert. Sie sind militärisch sehr gut organisiert und schlagkräftig, geben regelmäßig arabische Publikationen heraus, reagieren schnell auf politische Entwicklungen und erscheinen überraschend zentralisiert, so dass Fazit des renommierten transatlantischen Think-Tanks »International Crisis Group« in einer Studie über die „irakische Aufstandsbewegung“. [12] Dass der nationale Widerstand durchaus zu abgestimmten politischem Handeln fähig ist, zeigte sich beispielsweise auch an der Einhaltung eines mehrtägigen Waffenstillstands während der Wahlen im Dezember 2005.

Von einem einheitlichen Widerstand kann allerdings noch nicht geredet werden, noch weniger wird er von den Personen kommandiert, die die US-Armee auf ihrem infamen Kartenspiel der meistgesuchten Iraker präsentiert. Einige führende Persönlichkeiten des gestürzten Regimes spielen eine Rolle bei der Finanzierung, es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass sie einen direkten Einfluss auf die Führung des Widerstands haben. In der Regel werden die Widerstandsgruppen von Offizieren der mittleren ehemaligen Führungsebene kommandiert. Die meisten waren zwar Mitglieder der Baath-Partei, da die Mitgliedschaft für eine militärische Karriere obligatorisch war, sagt dies wenig über ihre politische Orientierung aus. Das Gros der früheren Armee war im wesentlichen nationalistisch und nicht auf Saddam Hussein orientiert. 

Die meisten Offiziere und Soldaten zogen sich nach dem Zusammenbruch des alten Regimes in lokale Netzwerke auf Basis der traditionellen, starken Clan- und Stammesstrukturen zurück.[13] Logistisch unterstützt von den Moscheen, verwoben sich diese Netzwerke bald auf regionaler Ebene, und es entstanden die ersten größeren Guerillagruppen und -bündnisse. Wenn auch die meisten ehemaligen Offiziere säkular eingestellt sind, sind die Gruppen, die sie anführen, von einem volkstümlichen Islam geprägt. Sie gaben sich islamische Namen und auch die Wortwahl, mit denen sie sich an die Bevölkerung wenden, ist stark religiös gefärbt. Politisch spielt der Islam aber bei den meisten Gruppen eine untergeordnete Rolle. „Viele Guerillas sind auf die gleiche Art vom Islam beeinflusst, wie die US-amerikanische Soldaten von der Religion, die ebenfalls dazu neigen, im Krieg mehr zu beten“, so der renommierte US-amerikanische Militärexperte Anthony Cordesman.[14] Keine bedeutende Widerstandsgruppe strebt einen islamischen Staat an, auch nicht die Bewegung des schiitischen Klerikers und Besatzungsgegners Muktada Al Sadr.

Die meisten Guerillagruppen sind im wesentlichen national orientiert. Bei aller Vielfalt besteht Einigkeit im Ziel, die Ressourcen des Landes wieder unter nationale Kontrolle zu bekommen und im Interesse der gesamten Bevölkerung zu nutzen. Kaum jemand strebt die Wiederherstellung der alten Herrschaftsverhältnisse an, einhellig wird jedoch eine Rücknahme der neuen Verordnungen und Gesetze gefordert und die Wiederherstellung der früheren sozialen Errungenschaften.

Über die Stärke der bewaffneten Gruppen liegen nur vage Schätzungen vor. Die meisten gehen von 30.000 bis 50.000 Kämpfern in festen Verbänden aus und drei- bis viermal so viele Kämpfer, die sich aus dem Alltag heraus zeitweise beteiligen, Kundschafter und sonstige Unterstützer. 

Britische Soldaten vertrieben

Die Angriffe auf Besatzungstruppen im Süden haben seit Sommer letzten Jahres drastisch zugenommen. Auch sie werden in der Regel von lokal verankerten Gruppen ausgeführt. Die britische und amerikanische Armeeführung machte zunächst nur „Terroristen“ und die Mehdi-Armee Muktada Al Sadrs verantwortlich, später kamen die angeblich vom Iran unterstütze Milizen hinzu. Letztere Meldung ist reine Propaganda gegen den Iran, da die einzigen proiranischen Milizen den Parteien angehören, die mit den USA verbündet sind. Daß Angehörige der Mehdi-Armee mitmischen ist durchaus wahrscheinlich, die meisten Kämpfer kommen allerdings aus den Reihen der dort ansässigen mächtigen Stämme. Diese sind traditionell stark nationalistisch und entschiedene Gegner der proiranischen Schiitenparteien. In den 20er Jahren stellten sie das Gros der Kämpfer, die die Briten aus dem Land trieben, und die Erinnerung an diese Kämpfe ist noch wach: „Die Leute haben die britisch-amerikanische Besatzung immer gehaßt und erinnern sich noch an ihre Großväter, die die britischen Truppen mit den einfachsten Waffen bekämpften“, erzählte Jassim al-Assadi, ein Schuldirektor aus der ostirakischen Provinzhauptstadt Kut, der Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS). [15] 

Anfänglich ließen sich die meisten Stammesangehörige noch vom hohen schiitischen Klerus um Al Sistani zum Abwarten überreden. Doch ihre Geduld ist nun vorbei und die Stammesführer gerieten unter starken Druck der jungen Männer, sich endlich dem Widerstand anzuschließen. Dieser hat sich nun sichtbar formiert. Im August letzten Jahres zwang anhaltendes massives Feuer 1 200 britische Soldaten ihren Stützpunkt bei Amarah, südlich von Bagdad, überstürzt aufzugeben, wobei sie Equipment im Wert von mindestens einer halben Million US-Dollar zurücklassen mußten. Der Fernsehsender der libanesischen Hisbollah, Al Manar, bringt seit Monaten regelmäßig Filmberichte über Angriffe auf britische und amerikanische Truppen durch schiitische Guerilla-Gruppen. [16] 

Linke Kräfte

Die kommunistische Partei des Iraks (IKP) ist offiziell zwar gegen die Besatzung, steht aber uneingeschränkt hinter dem „politischen Prozeß“ und möchte die fremden Truppen erst dann aus dem Land haben, wenn die irakische Regierung und Armee das neue Regime selbst schützen können. Ihre Vertreter nutzen ihre guten Beziehungen zur Linken in den westlichen, direkt oder indirekt am Krieg beteiligten Länder, um die Besatzungsrealität zu beschönigen und den bewaffneten Widerstand zu diskreditieren. Wider besseres Wissen werfen sie ihn mit sektiererischer und terroristischer Gewalt in einen Topf und machen ihn maßgeblich für das Scheitern des Wiederaufbaus des Landes verantwortlich.[17] Die IKP ist allerdings auch in keinem zivilen Widerstandsbündnis vertreten. Sie ging stattdessen ein Bündnis mit der rechts-liberalen Partei des langjährigen CIA-Mannes Ijad Allawi ein und stellt einen Minister in der aktuellen Regierung.

Dies bedeutet allerdings nicht, daß keine linken Kräfte am Widerstand beteiligt sind. Abgewandt von der IKP hat sich beispielsweise zu Beginn der Besatzung das langjährige Politbüromitglied Baqer Ibrahim Al Mousawi. Gemeinsam mit Ahmed Karim, der ebenfalls lange Jahre führendes Mitglied der Partei war, hatte er in einem offenen Brief festgestellt, daß „die Führung der Kommunistischen Partei lügt, wenn sie behauptet, gegen den Krieg des Landes gewesen zu sein, oder wenn sie behauptet, für ein Ende dieser Besatzung einzutreten. Diese Führung, genauso wie eine Reihe anderer politischer Bewegungen hat sich mit den Besatzern vereinigt, und es ist daher sinnlos zu versuchen, sie von einer anderen Linie zu überzeugen.“[18] 

Beide beteiligen sich seither aktiv am Widerstand. Baqer Ibrahim ist Mitglied im Generalsekretariat des »Irakischen Nationalen Gründungskongresses« Ahmed Karim ist als Führer der „Demokratischen kommunistischen patriotischen Strömung“ [19] Mitglied im „Vereinigten Politischen Kommando des irakischen Widerstands“, einem politischen Bündnis dem neben dem Nationalen Gründungskongress u.a. auch drei der größten Guerillaorganisationen angehören. Neben Karims „Strömung“ ist auch die kommunistische »Volksunion« mit von der Partie, die u. a. von der spanischen Kommunistischen Partei als Schwesterorganisation anerkannt wird. [20] Sie ist im „vereinigten Kommando“ durch ihren Vorsitzenden Yusuf Hamdan Amer vertreten – wie Ibrahim und Karim ein angesehener, historischer Führer der irakischen Linken.

Bedeutende Teile der IKP hatten sich bereits lange vor dem Krieg abgespalten, so die „IKP (Zentralkommando)“ und die „IKP (Kader)“ – nicht zu letzt wegen des damaligen Paktierens der Parteiführung mit Gegnern Iraks. Auch diese sind im »Vereinten Kommando« vertreten.

Die zahlenmäßige Stärke dieser patriotischen und antiimperialistischen marxistischen Gruppen ist nicht groß, dennoch haben sie einen gewissen politischen Einfluß auf die Widerstandsbewegung. Die IKP spielt hingegen im Irak außerhalb der „Green Zone“ praktisch keine Rolle mehr. Nachdem sich die Parteiführung mit ihrem Eintritt in den vom US-amerikanischen Statthalter Paul Bremer eingesetzten „Regierungsrat“ offen an die Seite der Besatzer gestellt hatte, verspielte sie bei der Mehrzahl ihrer Mitglieder und Sympathisanten den letzten Kredit. [21]

Widerstand eint

Teil 2: Die wesentlichen Organisationen und Bündnisse

Die weitere Vereinheitlichung der irakischen Widerstandsbewegung wie auch die Vermittlung ihrer Ziele wird nicht zuletzt dadurch erschwert, dass es keine Länder gibt, die ihr den nötigen Raum dafür bieten, von aktiver Unterstützung ganz zu schweigen. Mitte Juli verbot z.B. die syrische Regierung kurzfristig eine Konferenz in Damaskus auf der mehrere hundert Vertreter diverser Widerstandsorganisationen und Parteien eine gemeinsame Plattform gegen die Besatzung und für die Zeit danach beraten wollten. Die Organisatoren zeigten, angesichts der auch so schon gefährlich drohenden Haltung der USA gegenüber Syrien, dafür sogar Verständnis.[22]

Dachverband gegründet

Dennoch gelang es dem Widerstand immer größere, sich oft auch überlappende Bündnisse zu schließen. Im Sommer letzten Jahres wurde die Gründung einer »Nationalen und Islamischen Patriotischen Front«, bestehend aus baathistischen, linken und sunnitischen Organisationen bekannt gegeben. Im Herbst bildete diese mit dem »Irakischen Nationalen Gründungs­kon­gress« und einigen weiteren Gruppen das „Vereinte politische Kommando des irakischen Widerstands“. Unmittelbar vertreten sind in diesem 25köpfigen Gremium sowohl die Baath-Partei, die »Irakische Patriotischen Allianz« (ein Bündnis verschiedener panarabischer, sozialistischer und religiöser Gruppen) und diverse Strömungen patriotischer Kommunisten als auch die »Vereinigung der islamischen Religionsgelehrten« und weitere führende Kräfte des »Gründungskongress«.[23]

Hinzu kamen drei der großen Guerillaorganisationen: die »Islamische Armee«, die »Al Rashidín Armee« (Armee der Rechtgeleiten) und die »Brigaden der 1920er Revolution«. Alle drei können als nationalistisch und gemäßigt islamisch charakterisiert werden. Sie werden auch immer wieder genannt, wenn von möglichen Gesprächen der Besatzer mit dem bewaffneten Widerstand die Rede ist. Sie erklärten sich dazu prinzipiell bereit, haben aber Gespräche so lange kategorisch ausgeschlossen, wie es keinen klaren Zeitplan für einen Truppenabzug gibt.

Die »Islamische Armee« ist die größte dieser drei Gruppen. Die Zahl ihrer Kämpfer wird auf mindestens 5.000 geschätzt, manche Quellen gehen sogar von über 15.000 aus.[24] Obwohl mehrheitlich aus Sunniten bestehend, gibt es auch einen nennenswerten Anteil von Schiiten und Kurden in ihren Reihen.[25] Sie gibt, neben regelmäßigen Berichten und Verlautbarungen, monatlich die rund 50seitige Zeitschrift Al Fursan heraus. Selbst US-amerikanische „Terrorismusexperten“ erkennen an, dass die »Islamische Armee« keine Selbstmordattentate oder Bombenanschläge auf Zivilisten durchführt und zivile Gefangene in der Regel nur zum Zweck der Überprüfung ihrer Tätigkeit macht.[26] Sie greift allerdings, wie den englischen Kurzberichten auf ihrer Homepage www.iaisite.info zu entnehmen ist, durchaus Zivilpersonen an, die für die US-Truppen arbeiten oder Angehörige der gleichfalls besatzungsfeindlichen, aber als „proiranisch“ angesehenen Bewegung Muktadad Al Sadrs. Die »Islamische Armee« sieht, wie viele, der Baath-Partei nahestehenden Gruppen, im Iran einen ebenso schlimmen Feind, wie in der Besatzungsmacht. Die alte, stark chauvinistisch geprägte Feindschaft wirkt bei vielen ungebrochen fort. Durch die daraus resultierende grundsätzlich misstrauische Haltung gegenüber schiitischen Gruppen, hat ihre Politik einen sektiererischen Ton. 

Die »Al Rashidín Armee« umfasst mindestens sechs Brigaden, die beim arabischen Militär typischer Weise 100 bis 300 Mann stark sind. Die »Brigaden der 1920er Revolution« sehen sich, wie der Name sagt, in der Tradition des nationalen und antikolonialen Kampfes gegen die Briten in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie gelten aufgrund ihrer zahlreichen Aktionen, darunter mehrere Hubschrauberabschüsse, als eine der schlagkräftigsten Gruppierungen. Sie vereint mindestens zwölf, wahrscheinlich sogar über 40 Brigaden.[27] Sie sind weder konfessionell noch ethnisch ausgerichtet, ihr oberster militärischer Kommandeur ist z.B. ein Kurde. Sie gehören daher auch zu den erklärten Feinden der Al-Qaida-nahen Gruppen, denen es Anfang Juli gelang, ihren Führer Harith Thahir Al Dhari zu ermorden, ein Neffe des Vorsitzenden der »Vereinigung der islamischen Religionsgelehrten«, Scheich Harith al Dhari. Die »Al Rashidín Armee« und die Brigaden nehmen zum Iran und zu Gruppen, die sich am „politischen Prozess“ beteiligen, eine wesentlich differenziertere Haltung als die »Islamische Armee« ein. Sie konzentrieren ihre Angriffe, wie auch westliche Experten bescheinigen, ausschließlich auf Besatzungstruppen. [28] 

Säkulare Ausrichtung

Das „Vereinte politische Kommando des irakischen Widerstands“ ist trotz der breiten Beteiligung weit davon entfernt, die gesamte Widerstandsbewegung zu repräsentieren. Eine ganze Reihe gleichfalls bedeutender Guerillaorganisationen fehlen, insbesondere »Mohammeds Armee« und die »Islamische Front des irakischen Widerstands«, nach ihren arabischen Initialen JAMI genannt. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte deren Gegnerschaft zur Baath-Partei sein. Die beiden arbeiten auf anderen Ebenen, wie z.B. dem „Koordinationsbüro für den irakischen islamischen und nationalen Widerstand“ (siehe Teil I) durchaus mit den drei Guerillaorganisationen »Islamische Armee«, die »Al Rashidín Armee« und die »Brigaden der 1920er Revolution« eng zusammen.

Aus diesem „Koordinationsbüro“ entstand im Frühsommer mit dem „Politischen Büro des irakischen Widerstands“ eine neue politische Front, der neben den bereits genannten fünf Guerillagruppen noch eine Fraktion der »Ansar Al Sunna« sowie die erst kürzlich gegründete »Hamas Irak« angehören. Sie fasst damit die sieben bedeutendsten Guerillagruppen zusammen. Diese wandten sich auch umgehend an die westliche Öffentlichkeit und erläuterten in einem Gespräch mit der britischen Tageszeitung The Guardian, das am 19. Juli veröffentlicht wurde, ihre prinzipielle Zielsetzung.[29] 

Die Stärke von »Mohammeds Armee« wird auf zirka 5.000 Kämpfer geschätzt, die in einem weiten Teil des mittleren Irak operieren. Sie gilt als sehr patriotisch, antizionistisch, propalästinensisch und antikolonialistisch. Daneben ist sie aber auch eine vehemente Kritikerin des alten Regime.[30]

JAMI ist ein Bündnis mehrere Guerillagruppen im nördlichen und östlichen Irak und umfasst vermutlich ebenfalls ein paar Tausend Kämpfer. Sie gilt als die politischste Organisation und gibt neben regelmäßigen Erklärungen eine auflagenstarke monatliche Zeitschrift heraus. Ihre Einsatzrichtlinien verbieten explizit Angriffe auf zivile Ziele und das „Vergießen irakischen Blutes, unabhängig unter welchem Vorwand und unabhängig davon, ob es sich um Zivilisten oder Angehörige der Polizei oder Nationalgarde handelt“ (www.islamonline.net, 7.3.2005). Untersagt ist auch jegliche Kooperation mit Gruppierungen, die in solche Anschläge involviert sind. Um das Leben von Zivilisten nicht zu gefährden, sollen zudem Angriffe innerhalb von Städten unterbleiben.[31] 

Die „Islamische Widerstandsbewegung im Irak“, abgekürzt »Hamas Irak« entstand im März durch eine einvernehmliche Aufspaltung der »Brigaden der 1920er Revolution«, wie es in einer Erklärung der Organisation hieß. Die »Hamas Irak« will eine politische Dachorganisation werden, die neben den übernommen gut 40 militärischen Brigaden auch politische Institutionen, offizielle Büros und Medien umfassen soll. Sie steht, wie ihr palästinensisches Vorbild, der internationalen Muslimbruderschaft nahe und soll zahlreiche Mitglieder der »Irakischen Islamischen Partei«, dem eigentlichen Ableger der Muslimbrüder im Irak, zu sich gezogen haben, die den Kollaborationskurs der in der Regierung vertretenen Partei nicht mehr mittragen wollen. »Hamas Irak« verfolgt einen „pragmatischeren“ Ansatz, als der verbliebene Teil der Mutterorganisation, d.h., sie will mögliche politische Spielräume besser nützen und strebt u.a. baldige Gespräche mit allen relevanten Kräften, inklusive der Besatzer und der Regierung an. [32]

»Jaish Ansar Al Sunna«, die „Armee der Beschützer der Sunna“, fasst mehrere sunnitische Widerstandsgruppen zusammen, die sowohl patriotisch als auch stark vom salafitischen, d.h. vom traditionell puristischen Islam geprägt sind. [33] Sie wird oft fälschlicherweise als Nachfolgerin der kurdischen »Ansar Al Islam« bezeichnet. »Ansar Al Sunna«, die ebenfalls als sehr schlagkräftige Guerillaorganisation gilt, hat von allen Widerstandsgruppen die engsten Beziehungen zu den im „Islamischen Emirat im Irak“ zusammengeschlossenen, Al Qaida nahen Gruppen (siehe Teil I), unterhalten und hat daher einen sehr üblen Ruf. Ihr werden sowohl Geiselnahme als auch Selbstmordanschläge auf Zivilisten vorgeworfen. Die Organisationen hat sich aber nicht zuletzt wegen unterschiedlicher Ansichten hinsichtlich legitimer Gewalt Anfang des Jahres gespalten. Ein Teil rückte näher an das „Islamische Emirat“, der größere schloss sich unter dem Namen „Rechtmäßiges Komitee der Ansar Al Sunna“ dem nationalen Widerstand an.

„Widerstand ist nicht bloß das Töten von Amerikanern ohne Ziel und Zweck“ erklärte deren politischer Sprecher gegenüber dem Guardian. „Unsere Leute haben Al Qaida zu hassen begonnen, weil sie der Welt draußen den Eindruck vermittelt, der Widerstand im Irak bestehe aus Terroristen.“ Al Qaida glaube, dass alle Schiiten Ketzer seien und die meisten Sunniten ebenso. Diese Sicht lehnen sie ab, ebenso wie Selbstmordattentate, die „nicht die beste Art zu kämpfen“ seien, „da dabei unschuldige Zivilisten getötet“ würden. „Wir sind gegen willkürliches Morden, der Kampf sollte sich allein auf den Feind konzentrieren.“

[Upd.: Ansar Al-Sunna und die Islamische Armee bilden zusammen mit einer weiteren Guerilla-Gruppe, der Mudschahedin-Armee die „Reform and Jihad Front“. Die Mudschahedin-Armee gilt als relativ kleine aber gut organisierte Organisation. Sie machte im Westen vor allem durch einen „Brief an das amerikanische Volk“ auf sich aufmerksam, in dem sie die US-Bevölkerung aufforderten ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen und die „Kriminellen“, die aktuell die Regierung führen zu verjagen. Die Autoren zeigten sich in diesem Schreiben sehr gut vertraut mit den politischen Verhältnissen in den USA.[33a]]

Die vordringlichsten Aufgaben des Politischen Büro des irakischen Widerstands“ sind, so die drei Vertreter gegenüber dem Guardian: dem Widerstand ein öffentliches Gesicht und ein gemeinsames politisches Programm geben. Die Grundzüge, auf die sie sich bereits geeinigt haben, sehen die Verständigung mit anderen oppositionellen Gruppen auf eine technokratische Übergangsregierung vor, deren Aufgabe neben der Wiederherstellung von Sicherheit und Grundversorgung in der Erarbeitung einer neuen Verfassung und der Abhaltung von Wahlen bestehen solle.

Mit Blick auf einen eventuell bald bevorstehenden Rückzugs der Besatzer plant die Allianz die Durchführung eines großen Kongresses zur Schaffung eines einheitlichen Front, die bereit wäre, in Verhandlungen mit den USA und ihren Verbündeten zu treten. Sie appelliert an arabische und andere Staaten sowie an die UNO, ihnen bei der Einrichtung einer permanenten politischen Präsenz außerhalb des Iraks zu helfen.

Die Allianz sieht zudem eine wesentliche Aufgabe im Kampf gegen konfessionelle Spaltungen und ein Zusammengehen sunnitischer und schiitischer Gruppen. Ein tiefer Spalt sei unter der Besatzung zwischen Schiiten und Sunniten aufgerissen, zu der Al Qaida beigetragen habe, aber auch die USA und Iran. 

Durch den Zusammenschluss dieser sieben Organisationen ist das Gros des bewaffneten Widerstands unter einem Dach vereint, wie es scheint bewusst ohne Beteiligung der Baath-Partei. Offenbar als Reaktion auf diese Allianz gaben baath-nahe Kräfte unmittelbar nach deren Bekanntwerden, die Gründung einer neuen „Patriotischen, Nationalen und Islamischen Front für die Befreiung des Irak« (PNIFLI) bekannt. Die Erklärung enthält allerdings keine Hinweise darauf, welche Organisationen sich daran beteiligen.[34] 

Die Distanz zur Baath-Partei, insbesondere zu dem vom ehemaligen Vizepremierminister Saddam Husseins, Izzat Al Douri, geführten Flügel, könnte an sich das Zusammengehen der sieben mit schiitischen Gruppierungen erleichtern. Andererseits schlossen die drei Vertreter im Gespräch mit dem Guardian die Zusammenarbeit mit allen „proiranischen“, schiitischen Parteien und Milizen aus, die sich an den von den Besatzern geschaffenen Institutionen beteiligen und hinter den ethnischen Säuberungen und sektiererischen Morden stecken würden. Dazu zählen sie explizit auch die Bewegung Muktada Al Sadrs.

Die Bewegung Muktada Al Sadrs

Bei der Bewegung Al Sadrs handelt es sich jedoch um die mit Abstand stärkste oppositionelle Kraft unter den Schiiten. Ihre Anhängerschaft, vor allem in den ärmeren Schichten, geht in die Millionen. Seine Mehdi-Armee ist mit schätzungsweise 100.000 Mann die zahlenmäßig größte, wenn auch nicht militärisch erfahrenste bewaffnete Formation, die in Opposition zu Besatzung steht. Auch sie ist regelmäßiges Ziel von massiven Angriffen der Besatzungstruppen. 

Die Sadr-Bewegung fährt einen besonderen Kurs, der tatsächlich irritieren kann. Sie beteiligt sich einerseits an den von der Besatzung geschaffenen Institutionen und stellte zeitweilig einige Minister in der Maliki-Regierung. Auf der anderen Seite bemüht sich Al Sadr sowohl im Parlament als auch außerhalb, Kräfte für einen Abzug der Besatzer zu bündeln. In den USA wird die Sadr-Bewegung daher oft als gefährlichster Gegner bezeichnet.

Demo im Irak zum 4 Jahrestag der US-Invasion
Hunderrtausende Anhänger von al-Sadr demonstrierten am 9. April 2007, dem 4. Jahrestag der von den USA geführten Invasion unter der irakischen Nationalfahne gegen die US-Besatzung AFP PHOTO/AHMAD AL-RUBAYE

Im April organisierte sie die bisher größte Demonstration des Landes gegen die Besatzung, an der sich nahezu eine Million Iraker beteiligten. Nicht religiöse Symbole oder Bilder von Ayatollahs bestimmten dabei das Bild, sondern die irakische Fahne.[35]

Die Sadr-Bewegung ähnelt in vielem den islamischen Organisationen anderer Länder. Auch sie verbindet eine streng konservative Ideologie mit breitem sozialem Engagement. Die Mehdi-Armee dient hauptsächlich der Sicherung jener Städte und Viertel gegen kriminelle und terroristische Elemente sowie Milizen konkurrierender schiitischer Organisationen, die die Bewegung kontrolliert. Direkte militärische Konfrontationen mit der Besatzungsmacht versucht Al Sadr dagegen eher zu vermeiden. Er setzt offensichtlich vor allem auf die zahlenmäßige Stärke seiner Bewegung, durch die er nach Abzug der ausländischen Truppen eine der dominierende Kräfte im Lande sein wird. Genau aus diesem Grund wird sie von den USA und ihren Verbündeten, insbesondere dem innerschiitischen Rivalen SCIRI vehement bekämpft.[36]

Auf der anderen Seite besteht auch eine tiefe, auf Gegenseitigkeit beruhende Feindschaft zu baathistischen Gruppen. Ansätze einer engeren Zusammenarbeit mit anderen sunnitischen Gruppen wurden durch die Gewalteskalation und Vorwürfe, die Sadr-Bewegung greife Sunniten an und stünde im Dienste Irans, empfindlich gestört. Dieser Graben könnte zur Achillesferse des Widerstands werden, befürchtet Sami Ramadani von den „Irakischen Demokraten gegen die Besatzung.“ im Guardian vom 20. Juli 2007. [37]

Dabei spricht wenig für enge Beziehungen Al Sadrs zum Iran. Er ist Nationalist und ein scharfer Kritiker des iranischen Einflusses auf die Regierung durch schiitischen Regierungsparteien SCIRI und Dawa. Es spricht auch wenig dafür, dass der Kern seiner Bewegung hinter sektiererischen Angriffen steht. Al Sadr engagierte sich von Anfang an, zusammen mit anderen Führern beider Konfessionen vehement gegen die aufkommende sektiererische Gewalt und für die Einheit des Landes. Seine an ihrer schwarzen Kleidung kenntliche Mehdi-Armee, ist jedoch keine straff organisierte Organisation. Gewaltakte von Einheiten, die sich verselbständigten, sind daher denkbar. Al Sadr selbst spricht von einer regelrechten Unterwanderung durch Kräfte, die im Dienste der Besatzer und der Regierung stünden. Es ist zudem auch für Attentäter ein leichtes, sich etwas Schwarzes überzuziehen und sich als Angehörige der Mehdi-Armee auszugeben.[38] Auch John Pace, bis Februar 2006 Direktor des Menschenrechtsbüros der UNO im Irak hielt eine Beteiligung der Mehdi Armee an den Entführungen und Morden weit weniger wahrscheinlich, als die der regierungsnahen Milizen.[39] 

Widerstand und Antikriegsbewegung

Bei aller Unsicherheit bei der Beurteilung der Bewegung bleibt eines festzuhalten: Der Widerstand ist nicht isoliert, sondern genießt breite Unterstützung in der Bevölkerung. Nur dadurch erklärt sich sein anhaltender Erfolg gegen die militärisch stärkste Macht, der sich je eine Befreiungsbewegung gegenübersah – und dies praktisch ohne Unterstützung anderer Staaten und ohne sicheres Hinterland. Auch wenn man mit der ideologischen Ausrichtung nicht sympathisiert, bleibt anzuerkennen, dass es ohne diesen Widerstand keine Rückzugsdebatten in Washington gäbe. Die US-Truppen hätten sich stattdessen längst dauerhaft niedergelassen und stünden bereit für weitere Überfälle auf strategisch wichtige Länder.

Daher schulde die weltweite Antikriegsbewegung dem irakischen Widerstand viel, so der philippinische Soziologe und Träger des alternativen Nobelpreises Walden Bello, da durch ihn viele aggressive Pläne der USA gegenüber anderen Ländern gestoppt oder verzögert wurden. „Sein Gesicht jedoch ist nicht hübsch“ und die Skrupel „vieler fortschrittlichen Bewegungen“ im Westen, „ihn als Alliierten zu akzeptieren”, wurde zum Haupthindernis beim Aufbau einer effektiven Bewegung gegen die Besatzung. „Aber es hat nie eine hübsche Befreiungsbewegung gegeben,” so der Direktor von »Focus on the Global South« weiter und viele westliche Progressive wandten sich daher auch früher schon gegen antikoloniale Bewegungen in Afrika, die »Front de Libération Nationale« (FLN, Nationale Befreiungsfront) in Algerien oder die »Front National de Libération« (FNL) in Vietnam. Doch nationale Widerstandsbewegungen verlangen keine ideologische Unterstützung. Alles, was sie fordern, ist internationaler Druck auf eine unrechtmäßige Besatzungsmacht, sich zurückzuziehen und die Anerkennung ihrer Legitimität. [40]

Joachim Guilliard ist Verfasser zahlreicher Fachartikel zum Thema Irak und Mitherausgeber bzw. Koautor mehrerer Büche. Im kürzlich erschienenen Sammelband hat er sich noch ausführlicher mit demThema »Irak« befaßt: Nikolaus Brauns/Dimitri Tsalos (Hg.): Naher und mittlerer Osten. Krieg – Besatzung – Widerstand, Pahl-Rugenstein Verlag, 209 Seiten, 16,90 Euro


[1]War and Occupation in Iraq”, Global Policy Forum, Juni 2007

[2]The Iraqi Public on the US Presence and the Future of Iraq”, WorldPublicOpinion.org, 27.9.2006,

[3]Saudis‘ role in Iraq insurgency outlined – Sunni extremists from Saudi Arabia make up half the foreign fighters in Iraq, Los Angeles Times, July 15, 2007

[4] Siehe hierzu auch Syed Saleem Shazad, „Al-Qaida gegen die Taliban“, Le Monde diplomatique, 13.7.2007
Nach einer Zusammenstellung von Statements bewaffneter, irakischer Gruppen durch Radio Free Europe sind im März 2007 nur 14 von 357 Erklärungen zu Angriffen auf US-Truppe vom „Islamischen Emirat/Al Qaeda“ („Iraqi Insurgent Media: The War of Images and Ideas“, RFE/RL Special Report, Juni 2007)

[5] Anthony H. Cordesman, “Iraq’s Sunni Insurgents: Looking Beyond Al Qa’ida”, Working Draft, 16.7.2007

[6] siehe “Iraq violence: Facts and figures”, BBC, 29.11.2006 und “Measuring Stability and Security in Iraq
Report to Congress, Department of Defense, 7.Juni 2007

[7]AMS: We Are Now Waging Two Battles: Against ‚the Occupation‘ and Against ‚the Terrorists‘“ Al-Hayat/ZNet, 26.1.2006

[8] „AMS: We Are Now Waging Two Battles …” a.a.O.

[9]Resistance Grows Against ‘Islamic State’ – 9 Militant Groups in Effort to Isolate Qa’ida-linked Organization”, Iraqslogger.com, 13.4.2007

[10] AMSI hat eine englischsprachige Homepage: http://heyetnet.org/en/

[11]Oil pipeline workers strike in Iraq”, Iraq Daily Business Updates/IRAQdirectory.com, 8.6.2007

[12]In Their Own Words: Reading the Iraqi Insurgency”, International Crisis Group, 15.2.2006

[13] Mahan Abedin, “Iraq’s Divided Insurgents”, Mideast Monitor, Februar 2006

[14] “Iraq Insurgency Larger Than Thought”, The Guardian, 8.7.2004

[15] Dahr Jamail and Ali al-Fadhily, “Southern Iraqi Tribes Joining Armed Resistance”, Inter Press Service, 21.1.2007, Pepe Escobar, “A massacre and a new civil war”, Asia Times, 3.2.2007

[16] „”Hizballah TV Airs Exclusive Clips of Shiite ‚Resistance‘ in Iraq, Lebanon”, US-Government Open Source Center, 3.8.2007, zitiert in Juan Cole, “Shiite Militia Attacks on US and British Troops”, Informed Comments, 4.8.2004

[17] Siehe z.B. „Die IKP und die aktuelle Lage im Irak – Interview mit Rashid Ghewielib von der Irakischen Kommunistischen Partei, unsere zeit, 4. 5.2007

[18]Den Widerstand unterstützen“, Aufruf dreier führender irakischer Kommunisten, junge Welt,13.12.2003

[19] Zur Ahmed Karim siehe das Interview das „Haló Noviny“, die Zeitung der KP Böhmens und Mährens am 08.01.2006, mit ihm führte,  http://www.kommunisten.at/article.php?story=2006010823101132

[20] “Yusuf Hamdan, dirigente comunista iraquí de la UP, participará en la Fiesta del PCE  — El PCE reconoce a la Unión del Pueblo como „organización comunista hermana“ en Iraq”,
http://www.iraqsolidaridad.org/2004-2005/agenda/pce_1-09-05.html

[21] Aus einem Brief von Sami Ramadani, Hochschullehrer in London und häufiger Kommentator im Guardian über IKP und IFTU an britische Gewerkschaften, http://www.idao.org/sami-iftu.html .

[22]Iraqi Insurgent Summit In Syria Cancelled”, Arab Times/Pat Dollard, 23.7.2007 sowie “Insurgents Meet on Post-U.S. Future” , Time, Tuesday, 24.7.2007

[23] Carlos Varea, Pedro Rojo y Houmad El Kadiri, “The United Political Command of the Iraqi Resistance is born”, iraqsolidaridad.org, 31.10.2006

[24]Excerpt: ‚Insurgency and Counter-Insurgency in Iraq‘”, National Public Radio, 28.4.2006

[25]Marines Widen Their Net South of Baghdad“, Washington Post, 28.11.2004

[26] siehe z.B. Post-Election Terrorist Trends in Iraq, Jamestown Foundation, Terrorism Monitor, 10.3.2005

[27] Gemäß dem Special Report von RFE/RL „Iraqi Insurgent Media: The War of Images and Ideas“vom Juni 2007 umfassen sie mehr als 12 Brigaden. Nach ihrer einvernehmlichen politischen und regionalen Aufteilung in zwei selbständige Organisationen im März 2007, listet der Teil, der unter dem Namen Hamas Irak weitermacht, in seiner Erklärung über 40 Brigaden unter seinem Kommando. Der Teil der mit dem alten Namen weitermacht, dürfte eher noch größer sein (“Iraqi Jihad Group Establishes New Political Framework Called ‘Hamas-Iraq’”, Memri, 25.4.2007)

[28] Robert Lindsay, “An Insiders Look at the Iraqi Resistance” Jihad Unspun, 18.12.2003

[29]Out of the shadows”, Guardian, 19.7.2007, sowie “Insurgents form political front to plan for US pullout”, Guardian, 19.7.2007

[30] ebd., sowie “Excerpt: ‚Insurgency and Counter-Insurgency in Iraq’”, a.a.o

[31]Iraqi Resistance Distances itself From Civilian Blood”, IslamOnline.net, 7.3.2005

[32]Iraqi Jihad Group Establishes New Political Framework Called ‘Hamas-Iraq’”, Memri, 25.4.2007,
Hamas–Iraq: A new factor in the Iraqi resistance ?”, Missing Links, Sunday, 29.4.2007, Marc Lnych, “Hamas-Iraq” Abu Aardvark, 4.4.2007 und “Abu Roman: significance of Hamas Iraq”, Abu Aardvark, 25.4.2007

[33] ICG, “In Their Own Words: Reading the Iraqi Insurgency” a.a.O.

[33a]  “Letter to the American People” The Iraqi Mujahideen Army, 23.3.2005

[34]Manifesto concerning the birth of the Patriotic, National and Islamic Front for the Liberation of Iraq (PNIFLI), Al Moharer, Juli 2007

[35]Besatzer müssen raus“, jW, 10.04.2007, “Moqtada rallies Shia to demand withdrawal of foreign troops – Million mark anniversary of fall of Saddam, Guardian, 10.4.2007, Dilip Hiro , Sadr’s Rising Star to Eclipse Bush’s Surge?, Znet, 15.4.2007

amic Revolution in Iraq«, der »Oberster Rat der Islamischer Revolution im Irak«. Er hat sich vor kurzem in SIIC, »Supreme Islamic Iraqi Council« (Oberster Islamischer Rat im Irak) umbenannt.

[37] Sami Ramadani, “The insurgents‘ achilles heel”, Guardian, 20.7.2007

[38] ebd.

[39]Baghdad official who exposed executions flees”, The Guardian, 2.3.2006

[40] Walden Bello, „Falluja and the Forging of the New Iraq“, Focus on the Global South, 18.4.2004

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