Eigenlob statt Selbstkritik: zur Image-Kampagne „Die wichtigste Zeit für guten Journalismus ist jetzt „

Leserbrief zur Image-Kampagne des Verbandes Südwestdeutscher Zeitungsverleger „Die wichtigste Zeit für guten Journalismus ist jetzt!“ die am 6. Nov.  durch Abdruck einer blau unterlegten Titelseite in 50 Tageszeitungen in Baden-Württemberg, darunter Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) und Mannheimer Morgen, gestartet wurde.

Es mutet recht seltsam an, wenn Zeitungsverlage, Redaktionen und Journalisten sich selbst für ihre professionelle Arbeit loben und den von ihnen gepflegten Journalismus ‒ pauschal ‒ für unabhängig und verlässlich erklären, als hätte es daran nie fundierte Kritik gegeben. Erinnert sei z.B. an die Studie von Dr. Uwe Krüger, „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse“, aus der Ausschnitte auch in der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ präsentiert wurden.

Es ist richtig, dass es in der Vielzahl von Online-Portalen und sozialen Medienplattformen schwer ist, die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Dies ist in der Tat ein großes Problem. Doch wenn sich nun Zeitungsmacher selbst als verlässlichen Pol der Wahrheit anpreisen, ist dies keine Lösung. Angebracht wäre eher Selbstkritik, da vieles an Glaubwürdigkeit durch schlechtere und einseitigere Berichterstattung verloren ging. Man kann dies leicht prüfen, indem man sie zu einem Thema, etwa Syrien, rückblickend für ein paar Jahre betrachtet. Als z.B. der schwedische Konfliktforscher und Fotograf Jan Oberg kurz nach der Rückeroberung Ost-Aleppos sich in der Stadt umschaute, Bilder der Zerstörungen machte und viele Bewohner interviewte, zeigten internationale Medien zunächst großes Interesse. Als die Redaktionen jedoch feststellen mussten, dass seine Berichte, Interviews und Fotos ihrem bisherigen Narrativ widersprachen, nahmen alle von einer Veröffentlichung Abstand.

Im Oktober enthüllte ein Chemiewaffeninspektor der OPCW, der leitend an der Untersuchung des angeblichen syrischen Giftgasangriff in Douma letztes Jahr beteiligt war, Details über gezielte Manipulationen an dem Abschlussbericht der Organisation, der die syrische Regierung stark belastet. Obwohl zum Kreis derer, die das vom Whistleblower vorgelegte Material, in einer öffentlichen Erklärung als glaubwürdig und überzeugend bezeichneten, honorige Persönlichkeiten gehörten, wie der ehemalige Direktor der OPCW, José Bustani und der Völkerrechtler Prof. Richard Falk, u.a ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter für Palästina, wurde darüber weder in der RNZ noch in anderen großen Zeitungen darüber berichtet. Den Bericht der bei der Präsentation anwesenden Nahostkorrespondentin Karin Leukefeld findet man nur auf Online-Portalen, wie den NachDenkSeiten.

Es geht in erster Linie nicht darum, ob Berichte von Karin Leukefeld, die seit Beginn des Krieges aus Syrien berichtet, oder Jan Oberg wahrer sind, als die von Reuters, AFP und DPA, die die Berichterstattung prägen, sondern dass solche alternative Darstellungen seit langem keinen Weg mehr in die Tageszeitungen und andere großen Medien finden. Wer bemüht ist, sich ein vollständiges Bild zu verschaffen, kann sich daher leider nicht auf den Journalismus der Tageszeitungen verlassen, sondern muss auch, mit gebotener Vorsicht, auf Portale und Blogs zurückgreifen, über die z.B. auch Leserbriefe, wie dieser, Verbreitung finden können.


Siehe dazu auch Albrecht Müller auf den NachDenkSeiten. Der MDR kommentiert die Kampagne ebenfalls bissig:

Mal angenommen, jemand hätte den Verdacht, dass die eigene Glaubwürdigkeit etwas gelitten hat. Was könnte dieser Mensch dagegen tun? Oder besser: Was sollte er besser nicht tun? Sparen könnte er sich vermutlich den Versuch, durch die Gegend zu laufen und herumzuposaunen, dass er noch immer sehr glaubwürdig sei.

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