Irak: WHO hilft beim Verschleiern von Kriegsfolgen

Seit Mitte der 1990er Jahre beobachten Ärzte im Süden Iraks eine erhebliche Zunahme von Leukämie und anderen Krebsarten, Fehlgeburten und schweren Mißbildungen bei Neugeborenen. Die Fälle häuften sich besonders dort, wo 1991 US-amerikanische Truppen während des ersten Irakkrieges in großen Mengen Geschosse aus abgereichertem Uran (engl. Depleted Uranium, DU) abgefeuert hatten. Da die Häufung bestimmter Krebsarten und Geburtsfehler starke Ähnlichkeiten mit der in Gebieten hat, die radioaktiv verseucht wurden, lag die Vermutung nahe, daß sie zum großen Teil auf die Kontamination mit dem gifti-gen, radioaktiven Schwermetall zurückzuführen sind. Das Uran entzündet sich beim Durchschlagen von Panzerungen oder Mauern. Das dabei entstehende Oxid verbreitet sich als feiner Staub und kann über den Atem, die Haut oder die Nahrung in den menschlichen Körper gelangen. Studien von Wissenschaftlern (die ersten bereits veröffentlicht in dem im Mai 1997 erschienenen Sammelband des International Action Centers in New York) erhärteten bald den Verdacht. Die US-Regierung schloß offiziell jegliche gesundheitliche Gefährdung durch das Schwermetall aus, die US-Armee erließ aber Schutzvorschriften für ihre Soldaten beim Umgang mit kontaminierten Stellen.
Obwohl sie offenbar selbst gesundheitliche Risiken fürchteten und die Forde-rung nach einem internationalen Bann dieser Waffen immer lauter wurden, setz-ten britische und US-amerikanische Streitkräfte ihre Uranmunition ab 2003 in noch größerem Maße ein. Seither steigt auch in Bagdad, Mosul, Ramadi, Nad-schaf und anderen Städten im Zentrum und im Norden des Landes die Zahl von Geburtsfehlern und Krebserkrankungen zum Teil drastisch an. Besonders betrof-fen ist die 2004 von US-Truppen im Laufe zweier Offensiven weitgehend zer-störte Großstadt Falludscha. Einer wissenschaftlichen Studie an 4800 Einwoh-nern zufolge, hat sich die Zahl der Krebserkrankungen bis 2010 insgesamt ver-vierfacht, die bei Kindern sogar verzwölffacht. Die Rate der Leukämieerkran-kungen ist in der Stadt nun 38mal so hoch wie in Ägypten oder Jordanien, die von Brustkrebs zehnmal. Das Spektrum der Krebsarten gleicht dabei dem der Überlebenden in Hiroshima. Das Verhältnis von Jungen zu Mädchen sank bei den nach 2005 geborenen Kindern auf 860 zu 1000, ein weiterer starker Indika-tor für genetische Defekte.
Laut dem Geburtenregister des Zentralkrankenhauses von Falludscha hatte im Frühjahr 2010 fast jedes sechste Neugeborene eine Form von Geburtsfehler. Die Analyse der Haare von Eltern der Kinder fand signifikant höhere Mengen von Uran und anderen Schadstoffen in den Proben als bei Eltern gesunder Kin-der.
In ihrem erschütternden Dokumentarfilm „Born under a bad sign“ (Geboren unter einem schlechten Stern) faßte die BBC im März 2013 die überzeugenden Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zusammen. Darin versicherten Wis-senschaftler des irakischen Gesundheitsministeriums, ihre umfassende Studie würde „eindeutige Beweise“ dafür liefern, daß die Zahl von Geburtsfehlern in Gebieten, die unter schweren Kämpfen zu leiden hatten, deutlich höher sei als in anderen. Auch WHO-Mitarbeiter berichteten, daß die Statistiken höhere Pro-zentzahlen von Fehlbildungen in Gebieten mit „hohem Risiko“ belegen würden.
Der erst ein Jahr nach Durchführung der Studie vorgelegte, „vorläufige zu-sammenfassende Bericht“, kommt jedoch zum Schluß, daß der Prozentsatz von Geburtsfehlern, Fehl- und Totgeburten gleich oder gar niedriger als der interna-tionale Durchschnitt sei und die Studie „keinen klaren Hinweis für eine unge-wöhnliche Rate angeborener Mißbildungen“ ergeben hätte. Die WHO stellt sich zwar einerseits formell hinter den Bericht, distanzierte sich andererseits von ihm, indem sie ausdrücklich darauf hinweist, daß für seinen Inhalt – wie für die Stu-die generell – allein das Gesundheitsministerium verantwortlich sei.
Die Autoren werden entgegen den bei solchen Studien üblichen Gepflogen-heiten nicht genannt. Auch der Inhalt „entspricht nicht wissenschaftlicher Quali-tät“ so das Urteil von Keith Bavistock, der 13 Jahre lang für die WHO als Um-weltexperte arbeitete. Zu den schwersten methodischen Mängeln der Studie zählt Bavistock, daß nur eine Haushaltsbefragung durchgeführt und nicht ein-mal die Krankenakten der irakischen Krankenhäuser herangezogen wurden, die das genauste Bild liefern würden.
Das Gesundheitsministerium hatte in 10.800 Haushalten die Mütter nach Vorkommnissen der letzten 30 Jahre befragt. Angesichts fehlender Fachkenntnis und des langen Zeitraums nach Ansicht von Experten ein sehr zweifelhaftes Un-terfangen. Nach welchem Verfahren die Teilnehmerinnen ausgewählt wurden, wird im Bericht nicht erwähnt. Die Auswahlkriterien seien vom Ministerium festgelegt worden, heißt es nur lapidar. Kritiker argwöhnen, daß bekannte, stark belastete Gebiete dabei gezielt ausgespart wurden. Außerdem stellt sich die Fra-ge, so die Umwelttoxikologin Mozhgan Savabieasfahani, was in dem langen Jahr bis zur Veröffentlichung mit den Daten geschehen sein könnte, so daß aus „eindeutigen Beweisen“ am Ende „keinerlei Hinweise“ wurden.
Da sie in den vergangenen zehn Jahren Veröffentlichungen zum Thema zen-siert hatte, ist auch das Mißtrauen gegenüber der WHO groß. Neel Mani, ehema-liger Direktor des Irak-Programms der WHO, der die Seriosität der irakischen Studie ebenfalls anzweifelt, schildert in einem Kommentar für die Huffington Post, wie die Gesundheitsorganisation in seiner Amtszeit von 2001 bis 2003 sys-tematisch daran gehindert wurde, aussagefähige Studien über die etwaige Ge-sundheitsfolgen des ersten Krieges durchzuführen. Ihnen seien die Berichte über die ungewöhnlich hohen Raten von Gesundheitsproblemen sehr gut bekannt ge-wesen. Sie hatten daher eine eigene Studie vorbereitet. Deren Durchführung wurde jedoch vom US-dominierten UN-Sicherheitsrat gestoppt. Auch in den Jahren zuvor hatte Washington, wie Hans von Sponeck, von 1998 bis 2000 Hu-manitärer Koordinator der UNO im Irak, berichtete, die WHO daran gehindert, Gebiete zu untersuchen, in denen abgereichertes Uran eingesetzt wurde.
Die „äußerst politische Natur der Studie“ lasse daher auch „Befürchtungen über die Politisierung der Untersuchung aufkommen“ so Mani. Die damalige „Politisierung der irakischen Gesundheitsforschung … sollte uns daran erinnern, daß die WHO nicht mehr ist als eine Wiederspiegelung des kollektiven Willen ihrer Mitgliedstaaten. Dieses Kollektiv ist häufig stark beeinflußt durch die Na-tionen, die globale Macht ausüben. Während die Struktur der WHO diesen Ein-fluß nicht zwangsläufig wiederspiegelt, die Entscheidungen, die sie fällt tun dies aber sicherlich.“
Das Versagen der zentralen internationalen Gesundheitsorganisation hat schwere Folgen für die Gesundheit der Menschen im Irak und anderen Länder, die Angriffen von NATO-Staaten ausgesetzt waren oder in Zukunft sein werden. Der Einsatz von Waffen die die Bevölkerung auf erhebliche Weise langfristig schädigen können, ist ein Kriegsverbrechen. Hätte die WHO schon in den 1990er Jahren durch eigene Untersuchungen die langfristigen schädlichen Folgen der Uranmunition belegt und über entsprechende Aufklärung eine breitere Öffentlichkeit dafür sensibilisiert, so hätte dies zur zunehmenden internationalen Ächtung der Waffen führen können. Das hätte möglicherweise die USA und Großbritannien genötigt, ihren Einsatz wenigstens deutlich einzuschränken und vielen Städten im Irak das Schicksal Basras erspart.
Noch heute liegen zahlreiche von Uranmunition getroffene Panzerwracks, Fahrzeuge und Gebäudeteile in den Städten. Und noch immer weigern sich die USA die genauen Einsatzorte und die abgefeuerte Mengen von Uranmunition und anderer potentiell giftiger Waffen anzugeben geschweige diese zu dekonta-minieren.
Der Nachweis, daß der Einsatz von Urangeschossen und anderen Waffen, die toxische Stoffe enthalten, eine wesentliche Ursache für die Zunahme von Ge-burtsfehlern und Krebserkrankungen ist, könnte maßgeblich dazu beitragen, die Regierung der USA und Großbritanniens dazu zu bringen, endlich ihrer Verant-wortung gerecht zu werden, die strahlenden Reste ihrer Angriffe zu beseitigen, die bestmögliche Behandlung der Betroffenen sicherzustellen und die Opfer zu entschädigen.

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