Grass-Debatte – zwei Leserbriefe

Zu „Grass-Gedicht löst Protest aus“ und „Ach Grass, RNZ 5.4.2012
Es ist traurig aber war: wäre der Text nicht von Günter Grass, so hätte ihn keine größere Zeitung gedruckt. Grass warnt vor einen israelischen Angriff auf den Iran, kritisiert die Lieferung eines weiteren deutschen U-Bootes, das als Basis für einen Atomwaffenangriff dienen kann und fordert umfangreiche Kontrollen des „israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen“ – alles weitverbreitete Positionen. Doch wenn Militärexperten und Friedensforscher auf diese gefährlichen Sachverhalte hinweisen, werden sie genauso ignoriert wie die Friedensbewegung, die am Wochenende auf den Ostermärschen ebenfalls auf die große Kriegsgefahr hinweist, die von der aktuellen israelischen Regierung ausgeht.
Obwohl selbst die US-Geheimdienste erklären, dass der Iran aktuell kein Atomwaffenprogramm betreibt, hält das Gros der deutschen Politiker und Medien am Feindbild Iran fest. Auch Klaus Welzel wiederholt die längst auch von den Nachrichtenagenturen widerlegte Mär, der „Iran drohe Israel mit Auslöschung“.
Bevor er Grass „unhaltbare Thesen“ unterstellt, sollte er sich einmal die Fakten anschauen: Wer droht aktuell wem – ganz konkret – mit Krieg? Wer hat in den letzten Jahren Krieg gegen Nachbarstaaten geführt? Wer hat die stärkste und modernste Armee in der Region. Was sind die jährlichen Rüstungsausgaben Irans (knapp 7 Milliarden Dollar) gegen die Israels (über 14 Mrd.) und die der westlichen Verbündenden am Golf (allein Saudi Arabien 45 Mrd.)? Und vor allem: wer verfügt über Atomwaffen und die Möglichkeit, sie ungestraft einzusetzen?
Und ist es nicht der Gipfel der Scheinheiligkeit, den Iran mit Sanktionen zur Beendigung seines zivilen Atomprogramms zwingen zu wollen und gleichzeitig Israel Waffensysteme zum Einsatz von Atomwaffen zu liefern?
Leider ist ein prominenter Name nötig, um das gängige Bedrohungsszenarium einmal öffentlich vom Kopf auf die Füße stellen zu können und auch einiges an Courage, angesichts der Welle von Diffamierungen, die man unweigerlich zu erwarten hat. Grass wollte eine Debatte anstoßen, doch inhaltlich argumentieren die meisten Verteidiger der aktuellen israelischen Politik nicht. Sie reagieren wie immer mit Schmähangriffen auf die Person.
Unfreiwillig kabarettistisch war der Kommentar Micha Brumliks, der im SWR behauptete, in Deutschland bestehe kein Tabu, Israel zu kritisieren, sich jedoch voll und ganz dem Sturm der Entrüstung anschloss.
Leserbrief an die Frankfurter
Zur Vielfalt der FR-Artikel und Kommentare zum Grass-Gedicht, FR 4. und 7.4.2012

(Leitartikel zu Israel und Iran: Uwe Vorkötter, Günter Grass – Dichter und Maulheld, FR, 4.4.2012)
Mit Empörung reagieren Sie auf den Vorwurf von Günter Grass, er erlebe in den Medien eine Kampagne und „eine fast gleichgeschaltete Presse“. Gleichzeitig räumen Sie der Kritik an ihm fünf Seiten ein, die überwiegend auf seine Person zielt. Besonders perfide die Zirkellogik von Uwe Vorkötter am Donnerstag. Grass begründet sein bisheriges Schweigen, u.a. mit dem Verweis, dass ernsthafte Kritik an Israel rasch mit heftigen Reaktionen bis hin zu Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert ist. Doch laut Vorkötter gelten solche Behauptungen bei Eingeweihten – warum auch immer – schon als antisemitisches Stereotyp. Und schon hat er den alten Mann ertappt.
Grass Gesicht ist sicherlich keine genaue Analyse. Aber der enorme Wirbel und die Tatsache, dass die meisten Medien sich statt mit dessen Inhalt mit der Psyche und mutmaßlichen Beweggründen des Autors beschäftigen, zeigt, dass er offensichtlich gravierende wunde Punkte der herrschenden Politik getroffen hat: die vorbehaltlose Unterstützung der aggressiven Politik Israels und das sachlich nicht begründbare Feindbild Iran.
Sonst hätte man ja einfach die relevanten Fragen in Ruhe erörtern können: Wer droht aktuell wem – ganz konkret – mit Krieg? Wer hat in den letzten Jahren Krieg gegen Nachbarstaaten geführt? Wer hat die stärkste und modernste Armee in der Region. Was sind die jährlichen Rüstungsausgaben Irans (knapp 7 Milliarden Dollar) gegen die Israels (über 14 Mrd.) und die der westlichen Verbündenden am Golf (allein Saudi Arabien 45 Mrd.)? Wer verfügt über Atomwaffen und die Möglichkeit, sie ungestraft einzusetzen? Und nicht zuletzt, wie kann die deutsche Regierung Sanktionen rechtfertigen, die Iran zur Aufgabe seines zivilen Atomprogramms zwingen sollen, und gleichzeitig Israel Waffensysteme zum Einsatz von Atomwaffen liefern.

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