Nationaler Taumel – Nein Danke

Schon nach der letzten WM 2006 hatte Wilhelm Heitmeyer, der Leiter des „Institut für Konflikt- und Gewaltforschung“ konstatiert, dass die These von einem „toleranten Patriotismus“ der sich da zeige, „gefährlicher Unsinn, ein Stück Volksverdummung“ sei. In zwei Studien hatte sein Instituts sehr überzeugend nachgewiesen, dass Nationalstolz zu „Fremdgruppenabwertung“, d.h. Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Islamophobie oder Abwertung von Homosexuellen, Behinderten oder Frauen führt.
Anhand einer zusätzlichen Umfrage im August 2006 konnten sie zeigen, dass nach der Fußball-Weltmeisterschaft befragte Personen „nationalistischer eingestellt“ waren als früher Befragte. „Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen.“ Der Zusammenhang zwischen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit werde durch den „Party-Patriotismus“ nicht aufgebrochen. (Studie zur Fußballweltmeisterschaft: Fußballtaumel und Fremdenfeindlichkeit, Süddeutsche Zeitung, 15.12.2006)
Heitmeyer sieht hinter dem neu geweckten Patriotismus durchaus Methode. Mit ihm soll die durch die asoziale Politik, die Umverteilung von unten nach oben etc. schwer gebeutelten Bevölkerungsschichten wieder mit ihrem Staat versöhnt werden. Offenbar, so Heitzmann seien die „Schwarz-rot-geil-Stimmung“ oder Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ der Versuch eines „surrogathaften Ankers auf schwankendem sozialen Boden“.
Ein ethnisches Kollektiv soll künftig bieten, was die soziale Marktwirtschaft nicht mehr zu leisten vermag: „Über die Betonung der ‚Schicksalsgemeinschaft‘ mit raunendem Tiefgang sollen jene Angehörige der Mehrheitsgesellschaft emotional wieder integriert werden, die andererseits sozial desintegriert worden sind.“
(siehe dazu auch Kristina Schröder hofft auf Nationalismus „auch über die WM hinaus“ – Ein Stück Volksverdummung, NRhZ, 05. Juli 2010)
Auch viele Fans ausländischer Herkunft schwingen die deutsche Flagge. Sie werden schnell feststellen, dass sie beim „Wir“ nicht gemeint sind.
Tröstlich ist zwar, dass die Nationalmannschaft nicht mehr rein teutonisch ist, sondern wie andere europäischen Mannschaften schon jahrzehnte früher multinational wurde. Doch wie die, im schwäbischen Waiblingen als Tochter kroatischer Einwanderern geborene Schriftstellerin Jagoda Marini zu Recht meint, „Dem Jubel ist nicht zu trauen

Mit Staunen lese ich die begeisterten Artikel über das neue Deutschland, den neuen Fußball. Spieler nichtdeutscher Herkunft werden als kreative Perlen gehandelt, fast schreiben die deutschen Journalisten so einfallsreich und überschwänglich, als hätten sie selbst einen Migrationshintergrund, wenn es um die Künste der neuen Nationalspieler geht. Je lauter und mit je mehr Inbrunst einer die deutsche Nationalhymne singt, desto eher heißt man ihn willkommen, erkennt sein Deutschsein an.
Wenn dann noch so einer ein entscheidendes Tor erzielt, wie Mesut Özil zum Achtelfinale, ist er in diesem Land angekommen, dann darf die Freundin, die ja nebenbei die Schwester von Sarah Connor ist, auch zum Islam konvertieren, ohne eine Welle der Entrüstung auszulösen.

Ich gehöre jedoch zur Sorte stures Einwandererkind, eines mit besserem Gedächtnis oder einem solchen fürs Schlechte. Ich traue dem Jubel nicht ganz. … Große Metaphern über die Parallelen zwischen Fußball und dem Leben oder der Gesellschaft werden herangezogen, doch der Vergleich hält nicht stand: So repräsentativ wie die Nationalmannschaft ist der Bundestag nicht. Nicht einmal annähernd.
… Der Mesut der Nationalelf ist nicht der normale deutsche Mesut.
… Doch an der Stelle, an der heute in einer der großen deutschen Tageszeitungen eine Lobeshymne auf Mesut Özil und das neue Deutschland abgedruckt ist, stand gestern noch ein Artikel über Einwanderung in Deutschland jenseits des Fußballfelds. In diesem Text sollten Zahlen in möglichst sachlichem Ton belegen, wie wenig Deutschland all jene Einwanderer braucht, die weder lesen noch schreiben können.

Dieser normale Mesut wird jenseits des Fußballs, in zahlreichen von Statistiken gedeckten Artikeln, als potenzieller Sozialhilfeempfänger von morgen gezeichnet, der dieses Land gewiss nicht voranbringen wird.

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