Irak – Opferstatistiken mit zugekniffenem Auge

Aufgeführt werden zunächst die Statistiken irakischer Ministerien und des Pentagons, anschließend die der regierungsnahen Brookings Institution und der Associated Press und schließlich auch die Zahlen einiger unabhängiger Projekte, wie dem Iraq Body Count (IBC) und dem Iraq Coalition Casualty Count (ICCC).
Die Zeiträume, für die Daten erfaßt wurden, variieren, die Statistiken bieten aber ein recht einheitliches Bild. Brookings kommt z.B. für die Zeit von Juni 2003-Juli 2009 auf 110.578 zivile irakische Opfer und 9.136 irakische Polizisten/Soldaten, der Iraq Body Count für die Zeit 19.3.2003 – 15.9.2009 auf 93.096–101.596 Zivilisten und 4.884 Polizisten.
Die Besatzer selbst zählen erst seit Januar 2006 und kommen bis Mai 2009 nur auf 26.825 zivile Tote, die irakischen Ministerien auf das doppelte.
Auf der Strecke blieben die drei Studien, die auf Basis repräsentativer Umfragen vor Ort auf eine wesentliche höhere Zahl von Opfern kamen: die beiden, in der britischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichten Studien der Johns Hopkins University („Lancet-Studien“ 2004 u. 2006), die von führenden Statistikern und Epidemologen als die besten verfügbaren Schätzungen bezeichnet werden, sowie die des renommierten Instituts Opinion Research Business (ORB) vom Sept. 2007. Nach den Lancet-Studien waren bis Juni 2006 vermutlich bereits 650.000 IrakerInnen Opfer von Krieg und Besatzung geworden, laut ORB-Studie hat sich die Zahl bis August 2007 auf ca. eine Million erhöht (siehe „Body Count“ im Irak auf der Iraktribunal.de-Seite).
Sie werden vom CRS nicht etwa als „zweifelfhaft“ oder „umstritten“ o.Ä. erwähnt – sie werden einfach komplett unterschlagen. Offenbar will der feine Research Service die Abgeordneten mit so Unappetlichem gar nicht erst behelligen. Käme dem einen oder anderen sonst vielleicht noch der Verdacht, dass die Zahl der Iraker die ihre „Befreiung“ nicht überlebten, zehn bis zwanzig mal so hoch sein könnte, wie von seiner Regierung behauptet.
Die einzige empirische Studie, die erwähnt wird, ist die „Iraq Family Health Survey“ IFHS, die im Januar 2008 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Diese Erhebung war von der WHO in Zusammenarbeit mit irakischen Ministerien und der kurdischen Regionalregierung durchgeführt worden und kam für den Zeitraum März 2003 – Juni 2006 auf 151.000 geötete irakische Zivilisten. Dies ist somit die höchste Schätzung im CRS-Report.
Die Aufnahme einer solchen Studie war zwingend nötig, da die unabhängigen Projekte IBC in ICCC angeben, durch ihre bloße Auswertung von Berichten nur einen Teil der Getöteten erfassen zu können und ihre Zahlen daher als absolute Untergrenze betrachtet werden müssen.
Mit der sog. „WHO-Studie“ kann man dagegen eine politisch verschmerzbare Obergrenze ziehen, die bei etwa einem Viertel der Lancet-Zahl liegt. Dass die IFHS vor allem dazu bestimmt war, die Lancet-Studie zu entkräften, legt schon die Beschränkung auf deren Zeitraum nahe, obwohl die IFHS über ein Jahr später durchgeführt wurde.
Diese Entkräftung gelang jedoch nicht auf Anhieb: auch die Umfragen der IFHS ergaben – trotz einiger Nachlässigkeiten – einen fast so hohen Anstieg der allgemeinen Sterblichkeit (auf das 2fache) wie die Lancet-Studie (2,4fache).
Dem wurde aber in der Folge nicht weiter nachgegangen, sondern man beschränkte sich strikt auf „zivile Opfer von Gewalt“. Durch eine sehr enge Definition dessen, wer Zivilist und was ein gewaltsamer Tod ist, fielen drei Viertel der 500 bis 600 Tausend Toten, die in den 3 Jahren seit Beginn des Krieges mehr gestorben waren als zuvor, unter den Tisch. Alles Kombattanten? Opfer von Naturkatastrophen? Kein WHO-Wissenschaftler kam anscheinend auf den Gedanken, dass die gesamte Verdoppelung der jährlichen Anzahl von Toten nur die Folge von Krieg und Besatzung sein kann.
Wie kreativ man bei Unterscheidung von „gewaltsamem“ und „nicht gewaltsamen“ Tod vorging, deutet z.B. die von der Studie ermittelte Zunahme von Verkehrstoten um das 3,7fache an. – Ermordete in einem Fahrzeug scheint man unter Verkehrstote abgelegt zu haben.
(Mehr dazu: „Verschleiern von Verbrechen – Eine neue Studie der Weltgesundheitsorganisation rechnet die Zahl der Opfer klein,
junge Welt, 12.02.2008)
Die tatsächliche Größenordnung der Zahl der Opfer ist und bleibt offensichtlich eine politische brisante Angelegenheit. (Siehe auch Opferzahlen im Irak erneut heruntergespielt und Zahl der Opfer der Terrorkriege nach dem 11.9.2001)

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