Undankbare Iraker

Der Unterausschuß für „International Organizations, Human Rights and Oversight“ hatte zu einer Anhörung über Fragen in Zusammenhang mit der jüngste Verlängerung des UN Mandats über den Irak und des bilateralen Stationierungsabkommen zwischen Washington und Bagdad auch zwei irakische Politiker eingeladen: den einstigen Interimspremier Ijad Allawi und den Chef der Front des Nationalen Dialogs, einer der stärksten oppositionellen Kräfte im irakischen Parlament.
Neben Fragen der irakischen Souveränität, noch ausstehender Reparationszahlungen an Kuwait und ähnlichem ging es auch um aktuelle Sicherheitsfragen und die für kommenden Januar anvisierten Wahlen.
Al Mutlaq und der (einstige) CIA-Mann Allawi brachten dabei ihre Befürchtungen zum Ausdruck, dass die Regierungsparteien die Wahlergebnisse durch Gewalt und Einschüchterung beeinflussen könnten und forderten eine umfassende Kontrolle der Wahlen durch UNO, die arabische Liga und unabhängige NGOs.
„Ich bin überzeugt, dass ohne Kontrolle wird bei den Wahlen dasselbe passieren wie zuvor,“ so Mutlaq. „Die Einschüchterung gibt es bereits, die Attentate finden bereits statt. Und wir haben so viele Warnungen erhalten, dass wir angegriffen werden, dass unsere Leute angegriffen werden“.
Saleh al Mutlaq sprach sich schließlich für einen „moralischen und verantwortungsbewußten“ Rückzug der US-Truppen aus und prangerte die Invasion seines Landes als „unverantwortlich“ an.
Darauf platzte dem republikanischen Abgeordneten Dana Rohrabacher der Kragen: „Ich habe nie ein Wort der Dankbarkeit von der irakischen Bevölkerung wegen der 4.300 Amerikaner die ihr Leben verloren gehört“, schnauzte er die beiden an. „Wir gingen in den Irak um Euer Volk zu befreien und nun werden wir für konfessionelle Gewalt verantwortlich gemacht. Macht uns nicht dafür verantwortlich den diese Art Blutgier kommt aus Eurer Gesellschaft.“
Mutlaq erwiderte trotzig: „Ihr sei es, die Eure Truppen geschickt habt. Wir haben Euch nicht eingeladen.“ Rohrabacher stürmte daraufhin völlig aufgebracht aus dem Saal. (Rohrabacher to Iraqis: Be More Grateful!, The Nation Blog, 17.9.2009)
„Meine Blumen für Bush, den Besatzer“
Wesentlich radikaler als Oppositionspolitiker Mutlaq hatte im Dezember Muntaser al-Saidi seine Kritik geäußert und sie mit zwei Schuhwürfen auf US-Präsident wirkungsvoll unterstrichen. (s. Ein Paar Schuhe als »Abschiedskuß«)
Die Aktion machte den irakischen Journalisten über Nacht zum Volkshelden, brachte ihm jedoch auch tagelange Folter ein. Nur der immensen internationalen Medienöffentlichkeit dürfte er es zu verdanken haben, dass er seine Tat überlebte und nach nur neun Monaten Haft wieder entlassen wurde. (s. a. Tagesschau.de)
Der überschwängliche Empfang der ihm nach seiner Entlassung bereitet wurde, zeigte erneut, wie sehr er den meisten Iraker mit seiner Tat aus dem Herzen sprach.
Das dürfte auch seine Erklärung, die er anschließend abgab. Sie enthält eine flammende Anklage gegen die Besatzung seines Landes. Er wirft ihr vor über eine Million Iraker umgebracht zu haben, eine Million Witwen und fünf Millionen Waisen zurücklassend und mehre Millionen heimatlos.
Er erinnert an die fürchterlichen Massaker, die die Besatzungstruppen verübten, als sie Dutzende irakischer Städte angegriffen und bombardiert haben.
Er ist als Journalist durch das Land gereist und hat diese Städte besichtigt, hat gesehen, welche Verwüstungen die Besatzer angerichtet haben und aus.
Er sei kein Held, aber

„Es demütigte mich, mein Land gedemütigt zu sehen. Und mein Bagdad brennend. Und mein Volk ermordet werdend. Tausende tragische Bilder bleiben in meinem Kopf und dies bedrückt mich jeden Tag und treibt mich auf den richtigen Weg, den Weg der Konfrontation, den Weg Ungerechtigkeit, Betrug und Doppelzüngigkeit zurückzuweisen. Es beraubt mich des guten Schlafs in der Nacht.“
Er klagt die Besatzer an, konfessionellen Hass geschürt und die irakische Gesellschaft gespalten zu haben.“
„Dutzende, nein Hunderte Bilder von Massakern, die die Haare eines Neugeborenen ergrauen lassen würden, treiben mir immer wieder Tränen in die Augen und verwunden mich. Der Skandal von Abu Ghraib die Massaker von Falludscha, Nadschaf, Haditha, Sadr City, Basra, Diyala, Mossul, Tal Afar und jeden Zoll unseres verwundeten Landes. In den vergangenen Jahren reiste ich durch mein brennendes Land und sah mit meinen eigenen Augen die Qual der Opfer und hörte mit meinen eigenen Ohren die Schreie der Hinterbliebenen und Waisen. Und das Gefühl der Scham verfolgte mich wie ein hässlicher Name wegen meiner Machtlosigkeit.
Und sobald ich meine beruflichen Pflichten erledigt hatte, indem ich über die täglichen Tragödien der Iraker berichtete und während ich die Reste des Schutts zerstörter irakischer Häuser abwusch oder die Spuren des Blutes der Opfer die meine Kleider befleckten, würde ich meine Zähne zusammenbeißen und ein Gelöbnis an unsere Opfer abgeben, ein Gelöbnis der Rache.
Die Gelegenheit kam und ich ergriff sie.
Ich ergriff sie aus Loyalität für jeden Tropfen unschuldigen Blutes dass durch die Besatzer oder wegen der Besatzung vergossen wurde, für jeden Schrei eine hinterblieben Mutter, für jedes Stöhnen einer Waise, den Schmerz eines Opfers von Vergewaltigung, die Träne einer Waisen.
… Als ich die Schuhe in das Gesicht des Kriminellen, Bush, warf, wollte ich damit meine Zurückweisung seiner Lügen ausdrücken, die Ablehnung der Besatzung meines Landes, die Ablehnung der Ermordung meiner Landsleute. Meine Ablehnung seiner Plünderung des Wohlstands meines Landes und die Zerstörung seiner Infrastruktur. Und die Vertreibung seiner Söhne in die Diaspora.
nach sechs Jahren der Demütigung, der Erniedrigung, des Mordens und der Entweihung heiliger Stätten, kommen die Mörder und prahlen, protzen mit Sieg und Demokratie. Er kam um seinen Opfern goodbye zu sagen und wollte Blumen als Erwiderung.
Einfach gesagt, das waren meinen Blumen für die Besatzer.“

Muntadhar al Zaidi, My Flower to Bush, the Occupier – The Story of My Shoe CounterPunch, 16.09.2009

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