Ich bin „Falludscha, Kunduz, Tripolis, Gaza, Odessa …“

Natürlich bin ich auch über diesen kommando-artigen Anschlag (dessen Hintergrund nach der Liquidierung aller mutmaßlicher Täter wohl nicht mehr zuverlässig aufgeklärt werden wird) betroffen, wie über jeden solchen Anschlag in der Welt – aber auch nicht mehr. Und der von Paris ist nur einer von fürcherlichen vielen. Im Irak verging z.B. seit der Invasion 2003 kein Tag, an dem es nicht wenigtens einen tödlichen Anschlag oder militärischen Angriff gab.
Neben Doppelmoral, dem Messen mit zweierlei Maß und der sofortigen Instrumentalisierung für die eigenen politischen Zwecke, zeigt diese heuchlerische Solidarität vor allem eines: das extrem ungleiche Gewicht, das dem Leben weißer Europärer im Gegensatz zu Afrikanern, Arabern, Afghanen etc. beigemessen wird.
Unter den Staatschef, die nach Paris eilten, um sich dort (per raffiniertem Fototrick) als Spitze der Soldiaritätsdemo zu inszenieren, waren viele, die selbst verantwortlich für weit größeren Terror sind — allen voran Obama, Cameron und der französische Präsident selbst.
Ich „bin“ auch keineswegs „Charlie Hebdo“. Wie Harald Neuber in seinem Artikel über die Zeitschrift zeigt (Das wird man doch wohl noch zeichnen dürfen!“), gibt es keinen Grund sich derart mit einer Zeitschrift zu identifizieren, die in den letzten Jahren zunehmend „kompatibel mit dem Front National und Pegida“ wurde.
Karikaturen, wie die schwangerer schwarzer Mädchen mit verzerrten Mündern unter der Überschrift „Boko-Haram-Sexsklavinnen in Aufruhr: ‚Fasst unser Kindergeld nicht an!'“ sind keine Satire, sondern menschenverachtende, ausländerfeindliche Hetze.
Deutlicher wird dies noch bei Glenn Greenwald, In Solidarity With a Free Press: Some More Blasphemous Cartoons, The Intercept, 9.1.2015
Bedenkenswert auch die Bemerkungen von Albrecht Müller zur Großdemo in Paris Die gestrige Manifestation von Paris wird, so eindrucksvoll sie auch war, die Möglichkeit zur Sozial- und Medienkritik um Jahre zurückwerfen, Nachdenkseiten, 12.1.2015
Nachtrag:
Auch Gerald Oberansmayr fallen viele ein, die ein „Je suis..“ weit mehr verdient hätten. Je suis… – Gedanken zum Terroranschlag in Paris, WERKSTATT-Rundbrief Nr. 1/2015

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