Die „Mutter aller Schlachten“ – der zwanzigjährige Krieg gegen den Irak

Selbstverständlich hatte die irakische Führung mit dem Einmarsch in Kuwait am 2. August 1990 eindeutig das Völkerrecht verletzt und so den Anlass zur Intervention geschaffen. Allem Anschein nach war sie den USA dabei in die Falle gegangen. Washington hatte nach dem Ende des Irak-Iran-Krieges Kuwait zu einer provozierenden Politik gegen das Nachbarland ermuntert (insbesondere zu einer den Ölpreis drückenden Ausweitung seiner Ölproduktion), der irakischen Führung aber bis unmittelbar vor dem Einmarsch signalisiert, dass sie sich nicht in „innerarabische Konflikten“ einmischen werde (siehe Von den USA getäuscht – Iraks Einmarsch in Kuwait und der Beginn der »Neuen Weltordnung«, junge Welt, 31.07.2010).
Sie konnte auch kaum mit so einer scharfen und breiten internationalen Reaktion rechnen, da es zuvor, in vergleichbaren Fällen wie dem Einmarsch der Türkei im Norden Zyperns oder israelischer Truppen im Libanon (wo die Legitimation noch viel geringer war), bei verbalen Protesten des Westens und der UNO blieb.
Zwanzig Jahre Krieg
Obwohl die irakische Führung am 5. März 1991 faktisch kapitulierte und allen Forderungen nachgab, endete der Krieg nicht, sondern ging in einen Luftkrieg niederer Intensität über. Häufige vereinzelte Angriffe (phasenweise mehrmals pro Woche) auf zivile und militärische Ziele in den von Washington und London eigenmächtig definierten „Flugverbotszonen“ im Norden und Süden des Landes, eskalierten immer wieder – so am Januar, Juni und November 1993, im September 1996 und im Dezember 1998 – zu umfangreichen, zuletzt mehrtägigen Bombardements.
Einfach fortgesetzt wurde auch – trotz Erfüllung aller bzgl. des Einmarschs in Kuwait erlassener UN-Resolutionen – das umfassendste Embargo, das je verhängt wurde. Mit dem Segen der UNO und der breiten Unterstützung der europäischen Staaten wurde das Land völlig zugrunde gerichtet. Nach 8 Jahren schätzten Experten, wie z.B. Dr. Dieter Hannusch, Leiter der Notfallversorgung des Welternährungsprogramms der UNO, die Zahl der Iraker, die an den Folgen der UN-Sanktionen starben auf 1,2 Millionen – „das stille Äquivalent zu zehn Hiroshima-Bomben“, so Hannusch.
Nach zwölfjähriger Belagerung folgten im März 2003 schließlich die Invasion des sturmreifen Landes und ein bis heute andauernder Krieg gegen den Widerstand, der sich rasch gegen die Besatzung entwickelte.
„Mutter aller Schlachten“
Als „Um al-Ma’arik“, als „Mutter aller Schlachten“ hatte der damalige irakische Staatschef, Saddam Hussein, 1990 den bevorstehenden Krieg bezeichnet. Egal, wie er seinen rasch zum geflügelten Wort avancierten Begriff selbst verstand, war er in einer Hinsicht absolut treffend: Der erste Krieg gegen den Irak, der gemäß den Worten des damaligen US-Präsidenten, George Bush sen. eine „Neue Weltordnung“ einläutete, eröffnete eine bis heute andauernde Phase militärischer Interventionen der USA und ihrer Verbündeter. Neben dem Zweistromland traf es in der Folge insbesondere Somalia, Jugoslawien und Afghanistan.
Die Intervention im Irak beinhaltete auch bereits alle Mechanismen der folgenden, so z.B. die Dämonisierung der Führer der angegriffenen Staaten („Bestie von Bagdad“ etc.), die Gräuelpropaganda, die Instrumentalisierung von Menschenrechtsfragen und den Missbrauch der UNO für die imperialistische Politik. Wurde zur Einstimmung in den Irakkrieg die Gräuelstory konstruiert, irakische Truppen hätten in Kuwait Babys aus Brutkästen gerissen (mit der Tochter des kuwaitischen Botschafters in der Hauptrolle der erschütterten Krankenschwester), so war es in Jugoslawien das vom berüchtigten US-Diplomaten William Walker präsentierte „Racak-Massaker“, das den Weg in den Krieg ebnete.
Krieg gegen die Zivilbevölkerung
Eingeführt wurde im ersten Krieg der „Neuen Weltordnung“ auch eine Kriegsführung, die sich sehr stark auf die zivile Infrastruktur konzentriert. Die Angriffswellen der US-amerikanischen Bomber richteten sich keineswegs, wie zu erwarten gewesen wäre, gegen die irakischen Besatzungstruppen in Kuwait, sondern zerstörten Kraftwerke, Wasserwerke, Staudämme, Bewässerungsanlagen, Fabriken, Brücken usw. im Irak selbst. Ihr Ziel war offensichtlich das Rückgrat der gesamten irakischen Gesellschaft zu brechen.
Diese, maßgeblich vom US-Luftwaffenkommandanten John A. Warden entwickelte neue Form des Luftkrieges prägt seither die Luftkriegsdoktrin der USA, der Nato und Israels. Sie kam bei den Bombardements gegen Jugoslawien 1999, Afghanistan 2001 und Irak 2003 ebenso zur Anwendung wie beim Überfall Israels auf den Libanon 2006.
In Wardens „Fünf-Ringe-Modell“ werden Ziele nach ihrer Bedeutung für die Überlebensfähigkeit des angegriffenen Staates und ihre Verwundbarkeit gegenüber Luftangriffen ringförmig geordnet. Das gegnerische Militär wird zum nebensächlich Ziel. Im Zentrum stehen Angriffe auf politische Führung, die zivile Infrastruktur und die Zivilbevölkerung. Indem man ihre Lebensbasis zerstört, will man die Bevölkerung gegen die politische Führung des Gegners aufbringen und die staatlichen Strukturen unterminieren.
Die Folgen dieser klar gegen das Humanitäre Völkerrecht verstoßenden Kriegführung, für den Irak waren katastrophal. Schon nach wenigen Tagen flossen im gesamten Land kein Strom und kein Trinkwasser mehr. Die Gesundheitsversorgung brach zusammen. Die Abwässer standen in den Straßen und gelangten in die Flüsse, aus denen sich die Iraker nun mit Trinkwasser versorgen mußten.
„Nichts was wir gesehen oder gelesen hatten, hatte uns auf diese außerordentliche Form von Verwüstung vorbereitet“ stellte eine UN-Mission aus Vertretern von WHO, UNICEF, UNDP, FAO und UNHCR bei ihrer Besichtigung der Kriegsschäden fest.

„Der jüngste Konflikt hat nahezu apokalyptische Folgen für die ökonomische Infrastruktur dessen, was bis Januar 1991 eine hochurbanisierte und mechanisierte Gesellschaft war … Irak wurde, für eine lange Zeit, in ein vorindustrielles Zeitalter zurückgeworfen, jedoch mit all den Unfähigkeiten, die aus der postindustriellen Abhängigkeit von intensivem Gebrauch von Energie und Technologie resultieren.“
In ihrem Bericht sagten sie voraus, daß unter den Embargo-Bedingungen der Wiederaufbau selbst der elementarsten Einrichtungen nicht möglich sein wird.

„Highway of death“
Der Enthemmung bei der Zielauswahl für den Bombenkrieg folgt die Enthemmung im Landkrieg auf dem Fuße. Zehntausende irakische Soldaten, die sich aus Kuwait oder Südirak zurückzogen, wurden von den vorrückenden Bodentruppen und Kampfhubschraubern massakriert. Beteiligte US-Soldaten sprachen begeistert von einem „Truthahnschießen“.
Zeugenaussagen von Veteranen und Recherchen von Journalisten belegen eine Vielzahl schwerster Kriegsverbrechen. Selbst Einheiten, die sich ergeben hatten wurden niedergeschossen, von Bomben zerfetzt oder von Panzern mit Planierschildern in ihren Schützengräben lebendig begraben. Noch drei Tage nach der Kapitulation des Iraks fielen dem letzten dieser Massaker Zehntausende irakische Soldaten zum Opfer).
Doch nicht nur irakische Soldaten wurden bei der Fahrt aus Kuwait massakriert, sondern auch Palästinenser, Sudanesen, Ägypter und andere Gastarbeiter, die Kuwait fluchtartig verlassen mußten, da ihnen Sympathie für den Irak vorgeworfen wurde,. Die Straße von Basra nach Kuwait wurde auch für sie zur „Straße des Todes“. Bilder des Abschnitts, der als „Highway of death“ traurige Berühmtheit erlangte, zeigen eine beinahe ununterbrochene Mauer platt gewalzter Autos und zermalmte Sammeltaxis, sowie ausgebrannte Busse und militärische wie zivile Lastwagen, die sich in einem Chaos aus zertrümmertem, verbogenem Metall aufeinander türmten. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wurden während des Krieges mindestens 150.000 irakische Männer, Frauen und Kinder von den US-geführten Truppen getötet.
Mehr Bilder hierzu bei Wikipedia „Highway of Death
Video auf Youtube:

Uranmunition – der schleichende Tod
Bei diesen Bombardements im Süden setzten die US-Truppen auch in großem Umfang Munition mit einem besonders durchschlagskräftigen Mantel aus abgereichertem Uran, die sogenannte DU-Munition, ein. Insgesamt 320 Tonnen des radioaktiven Metall, das beim Einschlag verbrennt, wurden dadurch als hochgiftiger, Jahrtausende lang strahlender Uranoxidstaub über weite Teile des Süden Iraks verteilt. Ein schleichender, bis heute anhaltender Tod durch eine Vervielfachung von Krebserkrankungen, Fehl- und Mißgeburten in den verseuchten Gebieten ist die Folge. (Davon unberührt setzten britische und US-Truppen während und nach der Invasion 2003 noch in viel größerem Umfang Uranmunition ein.)
Kulturelle Zerstörung des Irak
Zerstört durch Krieg und Sanktionen wurden nicht nur die technische Infrastruktur, sondern auch die einst vorbildliche Gesundheits-, Sozial- und Bildungssysteme. Während in Marokko auch heute noch 50% der Bevölkerung Analphabeten sind, hatte der Irak bis Mitte der 1980er Jahre den Analphabetismus nahezu vollständig beseitigt. Die UNESCO würdigte den Irak 1987 ausdrücklich für sein Bildungswesen, das Frauen und Mädchen gleichberechtigt mit einschloss. Nach zwanzig Jahren Krieg und Besatzung ist der Irak wieder auf das Niveau Marokkos gesunken – auch die kulturelle Zerstörung war nach Ansicht vieler Iraker und internationaler Experten gewollt. (siehe auch Die kulturelle Säuberung des Irak)

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Das wirkliche Verbrechen – regionale Stärke und Unabhängigkeit
Es ging in diesem Krieg nicht um die Wiederherstellung der Unabhängigkeit des kuwaitischen Scheichtums, denn diese hätte auch auf dem Verhandlungsweg erreicht werden können. Die irakische Führung hatte schon bald ihre Bereitschaft zum Rückzug signalisiert, wenn wenigstens auf einige der berechtigten Forderungen des Iraks eingegangen würde. Dazu zählte vor allem das Zurückfahren der überhöhten kuwaitischen Ölexporte, die einen für den Irak ruinösen Preisverfall des Rohöls zur Folge hatten, auf die in der OPEC vereinbarte Quote und das Ende der unzulässig starke Ölförderung Kuwaits aus dem fast vollständig unter irakischem Boden liegenden Rumalia-Ölfeld. Zudem verlangte Bagdad einen besseren Zugang zum Meer und Druck auf Israel, ebenfalls den einschlägigen UN-Resolutionen nachzukommen.
Viele Länder darunter zunächst auch Frankreich versuchten zu vermitteln, doch alle Erfolg versprechende Ansätze wurden von den USA blockiert. Washington beharrte stur auf einem bedingungslosen Rückzug – ohne Garantieren für sich zurückziehende irakischen Truppen.
Am 2. Januar 1991 übermittelte der Irak das Angebot, sich sofort vollständig aus Kuwait zurückzuziehen und die Unabhängigkeit des Scheichtums verbindlich anzuerkennen, wenn im Gegenzug seinen Truppen ein ungehinderter Abzug aus Kuwait gewährt würde, alle fremde Truppen wieder vom Golf abgezogen würden und Verhandlungen über den israelisch-palästinensischen Konflikt sowie über die regionale Abrüstung von Massenvernichtungs-waffen zugesichert würde.. D.h. noch zwei Wochen vor Kriegsbeginn gab es einen gangbaren Weg, den Kuwait-Konflikt friedlich zu lösen.
Auch wenn das Angebot der irakischen Führung nicht ehrlich gewesen wäre, hätten die USA beim Eingehen auf den Vorschlag außenpolitisch nur gewinnen. Es hätte den Krieg nur ein paar Wochen verzögert. Doch gerade weil die US-Regierung von dessen Ernsthaftigkeit überzeugt war, schlug sie diese Offerte aus und die Verbündeten wie auch die UNO zogen mit.
Zu Recht erklärte daher UN-Generalsekretärs Perez de Cuellar am ersten Tag der Luftangriffe auf Bagdad enttäuscht: „Dies ist eine Niederlage der Vereinten Nationen.“
Der Irak hatte während des Krieges gegen den Iran – mit westlicher Unterstützung – erheblich an militärischer Stärke gewonnen. Die USA wollten die militärische Intervention, um eine zu stark und zu unabhängig gewordene Regionalmacht wieder gründlich abzurüsten – militärisch wie industriell. Sie wollten, nach dem Wegfall der zweiten Supermacht, die Gunst der Stunde nicht ungenutzt lassen, selbst die militärische Kontrolle in der Region zu übernehmen. In verschiedenen Stützpunkten am Golf blieben auch nach 1991 mehr als 60.000 US-Soldaten stationiert. Die US-Luftwaffe blieb ständig in Bereitschaft und nutzte den Irak zum Training unter echten Kriegsbedingungen.
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Mehr dazu u.a auf Embargos.de
Ausführlich in Göbel, Guilliard, Schiffmann: „Der Irak – ein belagertes Land“, PapyRossa Verlag, Köln, Mai 2001
Infos über und einige Beiträge aus dem Buch findet man hier, auch das gesamte Buch (ohne Cover) als PDF.
Auch über den ersten Irakkrieg wurde ein internationales Tribunal von unten abgehalten.
Siehe: International War Crimes Tribunal
A Report on United States War Crimes Against Iraq to the Commission of Inquiry for the International War Crimes Tribunal by Ramsey Clark and Others

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