Kollateraler Mord



Namir Noor Eldeen galt als einer der besten
Kriegsfotografen

Doch bei diesem waren unter den Opfer auch zwei Journalisten von Reuters und die Agentur bemühte sich hartnäckig um Aufklärung.
Sie hat einen Blog zur Erinnerung für sie eingerichtet
Irgend jemand aus dem US-Militär hat nun eine Kopie der Bordkamera-Aufnahmen des führenden Kampfhubschrauber an die, auf die Veröffentlichung geheimer Dokumente spezialisierte Internetseite WikiLeaks gesandt.
Auch wenn man schon viele Bilder und Berichte über brutale US-Angriffe gesehen hat, und dies stets vor Augen hat, wenn von Operationen gegen Aufständische die Rede ist, sind die Aufnahmen in ihrer Deutlichkeit erschütternd.
Das Video zeigt wie der US-Kampfhubschrauber über ein Viertel Bagdads kreist. Er bekommt eine Gruppe von 11 irakischen Männern in den Blick, die lässig und offenbar unbewaffnet eine Straße entlang schlendern. Unter ihnen sind auch der 22-jährige Reuters-Fotograf Namir Noor Eldeen und sein 40-jähriger Fahrer und Assistent Said Chmagh.
Der Apache-Hubschrauber nimmt die Gruppe ins Visier. Erkennbar sind Eldeen mit einer Kamera in der Hand und Said Chmagh, der offensichtlich mit dem Handy telefoniert.
Die Hubschrauberbesatzung will bei zwei Männer AK 47 Sturmgewehre ausgemacht haben. Auf den Aufnahmen sind keine zu erkennen. Solche Gewehre sind im Irak zudem nichts ungewöhnliches und de Männer verhalten sich trotz der Hubschrauber völlig normal, nichts deutet darauf hin, dass die Männer einen Angriff vorhaben oder einen fürchten.
Unterlegt sind die Bilder mit dem Sprechfunkverkehr zwischen Pilot und Bordschütze von „Crazyhorse One-Eight“, dem Einsatzkommando am Boden. „Nicht das Fadenkreuz macht die Zivilisten zu Zielen, es ist die Sprache der Soldaten, die ‚Personen mit Waffen‘ markiert, schreibt treffend Marin Majica in der Berliner Zeitung.
Während ein Mann mit Tragegurt über der Schulter zu sehen ist , an dem wohl eine Fotokamera hängt, macht die Sprache einen „Typen mit Panzerfaust“ aus ihm. Und löst damit die tödlichen Prozeduren aus.
Als Fotograf Eldeen – hinter der Ecke eines Hauses hervor – etwas am Ende der Straße fotografiert, evtl. US-Militärs bei einem Einsatz, deutet die Hubschrauber Crew das Objektiv als Raketenwerfer.
Die Soldaten erhalten die Freigabe „to engage“ – sich „einzumischen“ auf deutsch
„Feuer frei“.

Namir Noor-Eldeen’s Kamera
(Bilder von www.collateralmurder.com)
Angreifer mit Raketenwerfer  – eine
sehr typische Szene

Gerade als Eldeen den Anderen seine Fotos zeigt, beginnen die beiden Apache aus ihren 30-mm-Automatikkanone zu feuern, solange, bis sich keiner der Männer mehr rührt.
Vermutlich kann man vom Hubschrauber in der Tat einen Raketenwerfer schwer von anderen länglichen, metallisch glänzenden Gegenständen unterscheiden – dies ist aber sicherlich kein legitimer Grund, auf Verdacht 11 Menschen zu exekutieren. Die Hubschrauber sind jedenfalls zu keinem Zeitpunkt bedroht worden. Wie das rechte Foto zeigt, sieht das Bild bei einem bevorstehenden Angriff ganz anders aus.
Könnte der Auslöser des Massakers noch eines der typischen Versehen gewesen sein, wie es hyper-nervösen Besatzungssoldaten immer wieder mal passiert (siehe Joshua Key Ich bin ein Deserteur„), so nimmt der Rest des Videos den letzten Zweifel über den Charakter solcher Angriffe.
Said Chmagh hatte sich schwer verletzt aus dem Schussfeld retten können, der kreisende Apache-Hubschrauber bekam ihn aber bald wieder ins Visier. Man sieht, wie er versucht wegzukriechen. Ein Minivan kommt und zwei Männer laden trotz drohenden Hubschraubern den Verletzten ein. Auf dem Vordersitz des Kleinbusses sind zwei Kinder zu erkennen.
Der Pilot des Apache erbittet Feuererlaubnis und bekommt sie. Die todesmutigen Helfer werden ebenfalls im Maschinengewehrfeuer zerfetzt, der Bus wird durch Granaten zerstört.
Elf „KIA“ übermittelt ein Besatzungsmitglied, das steht für „Killed In Action“. Noch zynischer aber sind die lockeren Kommentare: „Fackelt sie ab“, rufen sich die Soldaten zu, „Yeah, schau dir das an, direkt durch die Windschutzscheibe“, gratuliert sich der Bordschütze nach seinen Grantbeschüssen auf den Kleinbus selbst. Als kurz darauf die Bodentruppen im Wagen zwei verletzte Kinder entdecken, rechtfertigt sich die Hubschrauberbesatzung: „Selbst schuld, wenn sie ihre Kinder zur Schlacht mitnehmen.“
Die New York Times berichtete am 12.7.2007 , zwei irakische Journalisten seien bei einem Zusammenstoß von Milizen mit US-Streitkräften getötet worden. „Es steht außer Frage, dass Koalitionstreitkräfte [Besatzungstruppen] ganz klar in eine Gefecht mit feindlichen Kräften verwickelt wurde“, so ein Sprecher der US-Armee im Irak.
Man sollte das stets im Hinterkopf behalten, wenn man Berichte über getötete „Aufständische“, „Taliban“ und ähnliches liest.
—————–
Quellen:

Sehr kurz, aber mit deutschem Ton, Spiegel Online:
US-Helikopter feuerten auf Zivilisten in Bagdad

Etwas ausführlicher die Ausschnitt und der Bericht bei welt-online:
Video-Beweis: US-Soldaten töten Reuters-Journalisten in Irak

Dokumentation "Collateral Murder"

Vollständig und mit vielen zusätzlichen ist alles auf einer extra Seite zu finden, die WikiLeaks eingerichtet hat: Collateral Murder

Hier gibt es u.a.

Im März 2008, zum 5. Jahrestag eröffnete Reuters seine Webseite „Bearing Witness“,die den Reuters-Journalisten gewidmet ist, die während der 5 Jahre im Irak getötet wurden: Taras Protsyuk (2003); Mazen Dana (2003); Dhia Najim (2003); Waleed Khaled (2005); Saeed Chmagh (2007); Namir Noor-Eldeen (2007).


Update:
Die Veröffentlichung schlug auch hierzlande einige Wellen in den Medien. Hier eine kleine Auswahl.
Süddt. Zeitung: Wikileaks-Video “Wie die Bilder aus Abu Ghraib“

Doch so schockierend die Bilder auch sind und so sehr die Schützen zu verurteilen sind: Den wirklich wichtigen Punkt spricht das Magazin The Atlantic an. Der Autor vergleicht die Veröffentlichung des Videos mit der Veröffentlichung der Bilder von Abu Ghraib und schreibt: „Wir werden wieder in die Versuchung kommen, nur die zu verurteilen, die den Finger am Abzug hatten. Doch das lenkt von den wahren Verantwortlichen ab.“

Die beiden führenden Zeitungen der USA, New York Times und Washington Post, halten sich in dem Fall auffällig zurück. Bei der Post ist die Meldung schon gar nicht mehr auf der Homepage, die New York Times schreibt vor allem über die Aufmerksamkeit, die die Website Wikileaks durch die Berichterstattung über das Video bekommt.

Rainer Rupp, junge Welt, 7.4.2010 Gefilmter Massenmord

»Zündet sie alle an. Los, Feuer!«
»In Ordnung. Es waren, äh, ungefähr vier bis fünf Personen in dem Wagen, ich zähle also ungefähr zwölf bis 15 (Tote)« (Gemeint ist die Zahl der bei dem Beschuß insgesamt Getöteten)

Kommentar von Hubert Wetzel in der Süddt. Zeitung, v. 06.04.2010:
Irak: Video zeigt US-Armee beim Blutbad Soldaten als Mörder
Bilder vom Krieg sind immer furchtbar. Doch das nun aufgetauchte Video zeigt die ganze Willkür und die erschütternde Lässigkeit, mit der US-Soldaten die Menschen im Irak mit Gewalt überzogen.

Denn nichts in den Aufnahmen deutet darauf hin, dass es sich bei den Opfern um Aufständische oder Terroristen handelte. Die Piloten wurden nicht beschossen, sie mussten keinen kämpfenden Kameraden am Boden beistehen, es herrschte helllichter Tag, die Sicht war gut. All die Ausreden, mit denen Soldaten üblicherweise den Tod von Zivilisten zu rechtfertigen versuchen- das Video widerlegt sie.
Statt dessen zeigt es schießwütige amerikanische Soldaten, die sich einreden, die umgehängte Kamera eines Pressefotografen müsse ein Gewehr sein, die dann seelenruhig ein Dutzend Menschen töten – und sich dafür auch noch auf die Schulter klopfen. Für das, was an jenem Tag an jener Kreuzung geschah, gibt es nur ein Wort: Mord

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