Irakisches Öl – weiterhin nur begrenzter Zugang für Öl-Multis

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Source: BBC, 12.12.2009

Angeboten wurden reine Dienstleistungsverträge mit dem Ziel, die Fördermengen eines bestimmten Ölfeldes auf ein festgelegtes Niveau zu bringen. Die Auftragnehmer müssen zunächst die vollen Investitionskosten übernehmen, bekommen sie jedoch zurückerstattet, sobald die Produktionssteigerung erreicht ist. Als Entgelt erhalten sie einen festen Betrag für jedes zusätzlich geförderte Barrel Öl, d.h. weder Anteile am geförderten Öl noch Lizenzen (s. meinen ausführlichen Artikel Irak: Im Clinch ums Öl ).
Die westlichen Medien sprachen im Sommer von einem vorhersehbaren Scheitern der Auktion. Das Angebot der Iraker sei einfach zu unattraktiv, als dass sich die Öl-Multis darauf einlassen könnten. Der Irak solle gefälligst nachbessern und seine Ölproduktion für ausländische Firmen weiter öffnen.
Zum Bedauern neoliberaler Analysten, passten jedoch zwei weitere Konsortien im Herbst ihr Gebot den irakischen Vorstellungen an und unterzeichneten Vorverträge. Den ersten schlossen die italienische ENI, die US-amerikanische Occidental Petroleum Oil und die südkoreanische KoGas für das Zubair Feld ab. Er beinhaltet den Auftrag, dessen Output innerhalb von sieben Jahren von 200.000 auf 1,1 Million Barrel pro Tag (b/d) zu steigern. Im zweiten Abkommen verpflichten sich die Öl-Giganten Exxon Mobile und Royal Dutch Shell das Fördervolumen von West Qurna 1 von 280.000 auf 2,1 Millionen b/d zu erhöhen.
Kurz vor Vertragsabschluß stehen auch die japanischen Firmen Nippon, Inpex and JGC Corp. beim Nassiriya Ölfeld. Die Japaner, die ENI (Italien) und Repsol (Spanien) unterboten haben, sind bereit, 8 bis 10 Mrd. Dollar zu investieren, um innerhalb dessen das Förderniveau innerhalb von zwei Jahren von aktuell 20.000 auf 200.000 b/d zu hieven.
Bei der aktuellen Runde beeilten sich nun weitere Konzerne einen Fuß ins irakische Ölgeschäft zu bekommen und akzeptierten dabei z.T. sogar noch schlechtere Konditionen, als die Vorreiter BP und CNPC. Während diese, wie auch ENIs Gruppe, 2 US-Dollar für jedes Barrel, das sie über das aktuelle Fördervolumen hinaus produzieren, bekommen, begnügten sich nun Shell und der staatliche Ölkonzern Malaysia Petronas beim Majnoon Ölfeld, dem drittgrößten im Irak, mit 1,39 Dollar. Die russische Lukoil gab sich zusammen mit der norwegischen Statoil beim Ausbau von West Qurna II, dem zweitgrößten Ölfeld im Angebot, sogar mit 1,15 Dollar zufrieden.
Irakische Ölfelder, für die in der 2. Auktion Verträge angeboten wurden


Irakische Ölfelder für die in der 2. Auktion Verträge angeboten wurden

Source: Ministry of Oil Iraq, Iraq’s Second Petroleum Licensing Round
(Die Karte ist interaktiv. Durch Click auf einen Namen erhält man weitere Informationen)

Insgesamt wurden bei der 2. Runde Aufträge für sieben Ölfelder vergeben. CNPC hat sich im Verein mit der französischen Total und Petronas noch einen weiteren Auftrag gesichert, für Halfaya südöstlich von Amara. Petronas ist zudem auch zu 60% an einem Abkommen über die Erschließung des Gharaf-Feldes beteiligt. Zusammen mit der Japan Petroleum Exploration Company (Japex) will sie 7 Mrd. Dollar investieren, um 230.000 b/d rausholen zu können. (Pepe Escobar, Iraq’s oil auction hits the jackpot, Asia Times, 16.12.2009)
Auffällig ist dass mit Exxon Mobile und Occidental Petroleum Oil bisher nur zwei der sieben involvierten US-Konzerne zum Zuge kamen. (s. US groups miss out as Shell, Lukoil and CNPC snap up Iraqi oil deals, Financial Times, 14.12.2009) Die anderen wollten oder konnten sich offenbar nicht mit den vom Irak diktierten Bedingungen arrangieren. Bisher hatte sich keine der großen westlichen Öl-Multis auf solche Serviceverträge eingelassen. Offensichtlich ist damit, so Pepe Escobar, der Traum von Cheney, Rumsfeld & Co endgültig geplatzt.
Falls alles wie geplant laufen würde, könnte der Irak seine Produktionskapazität innerhalb von dreizehn Jahren auf über 12 Mio. b/d steigern und damit Saudi Arabien überholen. Saudi Arabien, weltgrößter Produzent, fördert aktuell ca. 8 Mio. b/d hat aber eine Kapazität von 11 Mio. b/d. Vorerst müssen sich die Saudis allerdings keine Sorgen machen, dass bald der Irak das weltweite verfügbare Angebot an Rohöl ähnlich stark beeinflussen kann wie sie. Experten gehen davon aus, dass die Öl-Konzerne sowohl die zu erreichenden Fördermengen als auch die Geschwindigkeit des Ausbaus stark übertrieben haben. Auch der Chef des französischen Öl-Multis Total, Christophe de Margerie, erklärte eine Produktionskapazität von 10-12 Millionen b/d für völlig unrealistisch: „Diese 12 Million Barrel sind verrückt“ meinte er laut Reuters. “Wir wissen, dass es dort ein Potential gibt, eines Tages möglicher Weise 7 bis 8 Millionen Barrel zu erreichen, doch allein das wäre schon ein riesiger Erfolg.“ Total kam bei der ersten Runde nicht zum Zuge, weil der Konzern keine so hohe Fördermenge versprechen wollte, wie die Konkurrenten, aus Sorge der Irak könne, so Margerie, der unter unabhängigen Experten als ausgesprochener Realist gilt, am Ende des Tages das Versprochene einfordern.
Samuel Ciszuk, Energie-Experte bei IHS Global Insight geht ebenfalls davon aus, dass die Probleme in den bisher kaum erforschten Ölfelder unterschätzt werden wie auch die immensen Infrastrukturprobleme. Auch angesichts der nach wie vor ungünstigen Sicherheitsbedingungen, den Widerständen in den irakischen Ölfirmen, juristischen Hindernissen etc. sind die Zeitvorgaben nicht viel mehr als Wunschvorstellungen. Und auch wenn die Steigerung viel geringer ausfällt, als erhofft, wird es von Seiten der OPEC Widerstand geben. Aktuell gelten für den Irak keine Quoten, sie wurden aufgrund der Sanktionen ausgesetzt. Der Irak kann zunächst geltend machen, nun fast 20 Jahre weit unter der ursprünglich Quote von 3,5 Mio. b/d geblieben zu sein, die ihm zu zustand. Sollte der Output des Landes jedoch über 4 Mill. b/d steigen, dürfte die Kulanz der anderen OPEC-Staaten schnell ein Ende haben.
Auch wenn die Ölmultis viel weniger erhielten, als sie anstreben, so ist das den meisten Irakern immer noch viel zu viel. Nicht nur die nationalistische Opposition, sondern auch die Führungskräfte der staatlichen Ölfirmen sehen nicht ein, für was man den ausländischen Konzernen einen Teil der Öleinnahmen hinterherwerfen soll, nach den bisherigen Verträgen am Ende bereits bis zu 50 Mrd. Dollar. Sie sind überzeugt, dass sie es auch aus eigener Kraft schaffen würden, etwas langsamer, dafür nachhaltiger – vorausgesetzt der Wille in der Führung des Landes wäre vorhanden. (s. Irak: Im Clinch ums Öl)
Natürlich könnte der Irak zusätzliche Einnahmen brauchen. Die meisten Iraker sehen jedoch keinen Grund zur Hoffnung, dass unter den aktuellen Machtverhältnissen bei ihnen viel mehr ankommen würde als bisher. Trotz der nicht unerheblichen Öleinnahmen der letzten Jahre hat sich bzgl. des Wiederaufbaus der Infrastruktur, des Gesundheitswesen, des Bildungssystems etc. nicht viel getan. Ein Teil des Geldes versackte aufgrund Inkompetenz und Korruption – Irak liegt hier an der Welt spitze – ein guter Teil floss in den Aufbau regierungsnaher Truppen und den Krieg gegen die Opposition im Land. Im letzter Zeit verstärken sich auch die Vorwürfe gegen Maliki, er würde die Kontrolle über die Öleinnahmen u.a. dazu mißbrauchen, sich die Loyalität von Stammesführern zu erkaufen und Stammesmilizen aufzubauen.
Neben dem Gegenwind aus der Ölindustrie – von den Gewerkschaften, die Kampfmaßnahmen angekündigt haben, bis zum Management – droht auch Widerstand aus der Bevölkerung vor Ort. Die Maliki-Regierung hat zwar, um die Kritik zu dämpfen, mittlerweile den südlichen Provinzen einen Anteil von 50 Cent an jedem exportierten Barrel Öl versprochen. Ob dies ausreicht, ist aber zweifelhaft.
Die Ölfelder im Süden werden als relativ sicher angesehen. Daher konzentrierten sich auf diese auch die Gebote. Nur die leidgeprüften Angolaner wagten sich an Ölfelder im Norden, wo in den letzten beiden Monaten beispielsweise Anschläge auf Pipelines den Export zweimal für eine Woche unterbrachen. De riesigen südlichen Ölfelder West Qurna und Majnoon könnten sich aber, so Reidar Visser, ein ausgezeichneter Kenner der Verhältnisse im Süden des Landes, noch als viel unsicherer erweisen. Sie liegen genau im Gebiet der Stämme, die bereits in den 1920er Jahren im Kampf gegen die Briten führend waren und auch in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beitrugen, dass die Briten geschlagen aus dem Südirak abziehen mussten. Sollte es der Regierung und den ausländischen Konzernen nicht gelingen, die Opposition gegen die ausländische Konzerne durch erhebliche materielle Verbesserungen, Jobs etc. zu dämpfen, so könnten sie hier leicht, so Visser „nigerianische Zustände“ bekommen. (Reidar Visser, The Second Licensing Round in Iraq: Political Implications, 13,12.2009)
Dass dies nicht pure Spekulation ist, zeigt der Aufstand einiger Dörfer in der Provinz Wasit im April d.J. gegen die CNPC. Der chinesische Staatskonzern ist bereits auf Basis eines wiedererweckten alten Servicevertrages aus der Saddam-Ära dabei, das Ahdad-Ölfeld in Wasit auszubauen. Da sie nach ein paar Monaten weder Jobs noch eine Verbesserung der örtlichen Infrastruktur sahen, entlud sich der Zorn der Dorfbewohner im Umkreis des Ölfelds in Sabotage an Einrichtungen und Abtransport von Material und Maschinen. (siehe Irak: Im Clinch ums Öl)
Im zu erwartenden Widerstand könnte auch ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung bzw. mangelnde Konkurrenzfähigkeit der US-Firmen liegen. Dürfte er US-Firmen gegenüber um ein vielfaches härter sein, als gegen chinesische, die bisher an sich willkommen waren. US-Firmen müssen von vorneherein viel höhere Ausgaben für die Sicherheit und Schäden durch Sabotage einplanen.
Starke Opposition gegen die Öldeals kommt auch von kurdischer Seite. Offiziell fordern sie nur mehr Mitsprache. Tatsächlich verschlechtert jedoch jede Produktionssteigerung im Süden auch massiv ihre Verhandlungsposition bzgl. der Anerkennung der zwei Dutzend Verträge, die die Kurdische Regionalregierung selbst mit kleineren Konzernen abgeschlossen hat. (Baghdad’s oil deals a blow to Kurdish clout in northern talks, Iraq Oil Report, 2.12.2009. Siehe auch Öl-Geschäfte in Irakisch-Kurdistan)
Eine unabhängige Parlamentarierin hat Klage vor dem irakischen Bundesgerichtshof gegen die Abkommen erhoben. Sowohl das alte noch geltende Öl-Gesetz als auch die neue 2005er-Verfassung verlangen zwingend für alle Verträge mit ausländischen Firmen die Zustimmung des Parlaments. Die erste Anhörung ist am 22.12. (New Iraqi oil deals challenged in court, Iraq Oil Report, 15.12.2009 )
Ohnehin wurde bisher nur der Vertrag mit dem BP/CNPC-Konsortium vom irakischen Kabinett abgesegnet und offiziell unterzeichnet. Bei allen anderen schleppen sich die Verhandlungen über „technische und rechtliche Fragen“ bzgl. der endgültigen Fassung dahin. (Slow going on Zubair, W. Qurna and Nassiriya deals, Iraq Oil Report, 27.11.2009 )
Niemand weiß wie es nach den Parlamentswahlen im Frühjahr weitergehen wird. Aufgrund der wackligen Rechtsgrundlage, auf der die Verträge geschossen wurden, könnte eine neue Regierung sie auch wieder canceln. Vor allem für die westlichen Konzerne gibt es dagegen nur eine Garantie: die Präsenz der US-amerikanischen Truppen. Dies bei Vertragslaufzeiten von 20 Jahren.

  • Detaillierte Informationen über die vergebenen Verträge und die betroffenen Ölfelder gibt die Internetseite des irakischen Ölministeriums: http://www.pcld-iraq.com/index.php

Hier ein Überblick über die vergebenen Verträge


Überblick über die 2009 vergebenen Verträge Serviceverträge für irakische Ölfelder

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