Jürgen Todenhöfer über „Amerikanische Irrwege“

[…] Bagdad, März 2009. Es ist sommerlich warm. Wer eine gute Lebensversicherung hat, kann Bagdad, Falludscha und Ramadi auch ohne amerikanischen Begleitschutz besuchen. Angeblich ist der Irak ja so befriedet, dass deutsche Politiker, mit Splitterweste und Stahlhelm, sogar zu Investitionen raten. Aber sie sind noch nie durchs Land gereist.
Noch immer herrscht Ausnahmezustand. Das Zweistromland hat die meisten Betonmauern, die meisten schwerbewaffneten Checkpoints, die meisten zerbombten Häuser und die meisten Witwen und Waisen der Welt. In keinem Land der Welt wurden mehr Fußballplätze in Friedhöfe umgewandelt. Jenen Irakern, die nicht zu den Millionen Geflohenen, Schwerverwundeten und Getöteten gehören, geht es heute zwar besser als vor zwei Jahren, aber schlechter als vor dem Krieg. Für sie gibt es heute weniger Arbeitsplätze, weniger Elektrizität, weniger Trinkwasser, weniger medizinische Versorgung und vor allem weniger Sicherheit als vor dem Krieg. Die Emanzipation der Frauen wurde um Jahre zurückgeworfen. Die Vereinigten Staaten haben den Irak nicht befreit, sie haben ihn zerbrochen. Wie tief muss man sich den Stahlhelm ins Gesicht ziehen, um das zu übersehen?
Die Iraker des Jahres 2009 können frei wählen, aber sie können sich nicht mehr frei bewegen. Die Fahrt in manche Stadtteile Bagdads ist nur unter Lebensgefahr möglich. Auch der irakische „Halbmond“ muss sich den Weg durch Bagdad oft mit gepanzerten Wagen und Maschinenpistolen bahnen. Selbst mit verwegenen Fahrern muss man stundenlang verhandeln, bis sie bereit sind, in das Schiiten-Viertel Sadr City zu fahren. Die Mitarbeiter der deutschen Botschaft dürfen ihre Festungsanlage überhaupt nicht verlassen. Nur der Botschafter darf in einige wenige zubetonierte Stadtteile, und auch das nur in Begleitung der GSG 9, bis Einbruch der Dunkelheit, im Winter bis 16.00 Uhr.
Militärisch besteht ein „gekauftes Patt“. Die amerikanischen Truppen haben sich weitgehend in ihre Militärbasen vergraben. Diese „Strategie Maulwurf“ und nicht der „Surge“ ist der Hauptgrund für die geringere Zahl getöteter GIs. Außerdem kämpft der nationale irakische Widerstand wegen der Millionenzahlungen an die ausgebluteten Stämme zurzeit „mit angezogener Handbremse“. Trotzdem kommt es in Bagdad täglich zu zehn bis fünfzehn militärischen Zwischenfällen, Schießereien, Selbstmordanschlägen, Explosionen von Straßenbomben. Die kleine Hilfsorganisation, die meinen Besuch organisiert, wird in der dritten Nacht mit einer Brandbombe angegriffen. Da nur das Bad ausbrennt, wird der Zwischenfall gar nicht gemeldet. Brandbomben in Bagdad, das ist wie Fahrraddiebstahl in Deutschland.
Dieses „gekaufte Patt“ kann jederzeit zerbrechen. Etwa wenn sich jene Kräfte durchsetzen, die dauerhaft 50 000 Besatzungssoldaten im Irak belassen wollen. Die Iraker werden sich nicht auf Dauer mit der Fremdbestimmung und Bevormundung abfinden. Perfekte Lösungen für den Irak gibt es nicht. Wäre Gerechtigkeit der Maßstab, müsste man von den Vereinigten Staaten fordern, was man von jedem verlangt, der das Haus seines Nachbarn überfällt und sich dort, trotz Gegenwehr, häuslich einrichtet. Im Falle des Irak hieße das: uneingeschränkte Verhandlungen mit dem nationalen Widerstand – aber nicht mit Al Qaida -, uneingeschränkter Abzug aller amerikanischen Truppen, Wiedergutmachung, Entschuldigung und Bestrafung aller politisch Verantwortlichen.
Viele Wunden werden nie verheilen. Millionen Kinder werden ihre erschossenen oder straffrei zu Tode gefolterten Väter nie mehr wiedersehen. Die zu Krüppeln gebombten Kinder werden selbst mit modernsten Prothesen nie mehr so laufen wie zuvor.
[…]

Bei seinen Einschätzungen zu Afghanistan überzeugt allerdings nur die Einleitung:

Kabul, August 2008. Morgens berichten die Zeitungen, amerikanische Streitkräfte hätten bei Herat dreißig Taliban getötet. Abends zeigt das afghanische Fernsehen Bilder des Angriffs. Man sieht die bis zur Unkenntlichkeit zerfetzten Gäste einer Trauerfeier. Das jüngste der neunzig Opfer ist sechs Monate, das älteste neunzig Jahre alt. Gul Ahmad hat siebzig Angehörige verloren. Leise fragt er: „Was haben wir euch getan?“

Seine Überlegungen zum „Terrorismus“ in Afghanistan und anderswo sollte man einfach überlesen. „Terrorismus ist eine Ideologie“ schreibt er z.B., „Man kann sie nicht erschießen, man muss sie widerlegen“. Tatsächlich ist Terror natürlich eine Methode, um etwas zu erreichen. Es gibt auch nicht DEN „Terrorismus“, sondern nur unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Ländern, die sich terroristischer Methoden bedienen.
Seine – auch in der Friedensbewegung verbreitete – Ansicht, der Krieg in Afghanistan würde den Terrorismus stärken, ist aus der Luft gegriffen. Es gibt keine belastbaren Indizien dafür, dass dies tatsächlich im signifikanten Ausmaß passiert oder droht.
Soweit ich sehen kann, werden die meisten Afghanen, die sich bewaffnet gegen die Nato-Truppen wenden, keineswegs zu „Terroristen“, sondern bleiben im Land und beschränken ihre Angriffe auf die Nato und deren Hilfstruppen – das jedoch ist kein Terror.

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