Mossul ‒ einer Millionenstadt droht die vollständige Zerstörung

erscheint leicht gekürzt in der vom Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten herausgegebenen Vierteljahresschrift INAMO, Heft 89

Update: Unten wurden Hinweise auf einen aktuellen Beitrag von und ein Interview mit Jürgen Todenhöfer, ein Artikel von german-foreign-policy.com und einen Bericht von Amnesty International zur katastophalen Entwicklung in Mossul aufgenommen.

Nachdem die Allianz aus irakischer Armee, kurdischen Peschmergas und schiitischer Milizen, unterstützt durch massive Luftangriffe einer US-geführten Koalition, Ende Januar den Ostteil Mossuls weitgehend unter Kontrolle gebracht hatte, begann sie am 19. Februar mit der Offensive zur Vertreibung der dschihadistischen Miliz „Islamischer Staat“ (IS oder arab. Daesch) aus dem Westteil der nordirakischen Metropole. Die Regierung in Bagdad spricht von der „entscheidenden Schlacht“. Sie ist jedenfalls die größte seit der Invasion 2003 und ‒ so steht zu befürchten ‒ auch die verheerendste.

War während der Offensive der syrischen Armee zur Befreiung Ost-Aleppos von islamistischen Milizen, die den Stadtteil seit Sommer 2012 besetzt hielten und mehrheitlich dem Daesch bezüglich Ideologie und Brutalität wenig nachstehen, die Situation der verbliebenen Bevölkerung bestimmendes Thema in den Medien, spielte das Schicksal der in der zweitgrößten Stadt Iraks eingeschlossenen Menschen faktisch keine Rolle.

Im Unterschied zu Aleppo wird der Vorstoß der Angreifer trotz der großen Zerstörungen bei vorangegangenen Rückeroberungen von den meisten westlichen Medien als „Befreiung“ begrüßt. Kenner der Verhältnisse hingegen sind angesichts der Dimensionen der zu erwartenden Opfer und Verwüstungen entsetzt. Schließlich befinden sich noch immer rund eine Million Menschen in den Vierteln, die unter Beschuss stehen. Seit Monaten wiederholt unter anderen der renommierte Nahostkorrespondenten des britischen Independent, Patrick Cockburn, seine Warnungen vor einer „Befreiung mittels Zerstörung“.
Er wird darin auch von einem hochrangigen irakisch-kurdischen Politiker unterstützt: Die irakischen Streitkräfte werden wahrscheinlich auch den Westen Mossuls zurückerobern, die Stadt selbst werde jedoch in den Kämpfen zerstört, so Hoshyar Zebari, der bis zum vergangenen Jahr Finanzminister in Bagdad und davor zehn Jahre Außenminister war, im Interview mit Cockburn. Der aus Mossul kommende Kurdenführer ist überzeugt, dass der Daesch in den engen dicht bewohnten Vierteln der Altstadt, die er noch hält, noch monatelang bis zum letzten Mann kämpfen werde.(Patrick Cockburn, , Mosul Set to be Completely ‚Destroyed‘ in Battle to Free It from Isis, The Independent, 15.2.2017)
„Noch mehr Gemetzel in Mosul“ sieht auch der australische Journalist Jonathan Spyer voraus, nachdem er Stadtteile im Osten besichtigt hatte, die ihm „wie von der Apokalypse heimgesucht“ erschienen. (, More carnage ahead in Mosul ‒ Reporting from the front line in the battle for Mosul, The Australian, 11.2.2017)
Vier Monate dauerten die Kämpfe um den auf der Ostseite des Tigris liegenden Teils der Stadt, in dem die Kämpfer des Daesch, evtl. unterstützt von lokalen Gruppen, nur hinhaltenden Widerstand geleistet haben. Die angreifenden Truppen, insbesondere die Eliteeinheiten der „Goldenen Division“, die die Offensive anführten, erlitten dabei schwere Verluste, manche Einheiten verloren US-Berichten zufolge bis zu fünfzig Prozent ihrer Mannschaft (s. Cockburn, a.a.O.).
Die von Washington geführte Allianz aus NATO-Staaten, Australien, Jordanien und Marokko eskalierte daraufhin offenbar ihre verfehlte Politik, intensivierte die Luftangriffe und bombte den überwiegend schiitischen und kurdischen Kräften den Weg frei ‒ mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung.(s Samuel Oakford, Missing in action: Hundreds of civilian deaths pass unremarked in Obama’s final days, Airwars.org, 20.1.2017) Die Infrastruktur wurde verwüstet und die Zahl ziviler Opfer wuchs drastisch. Stark getroffen wurde u.a. die Universität, einst eine der renommiertesten der arabischen Welt, eine große Zahl von Wissenschaftler, Angestellten und Studenten wurden dabei getötet.
Am 18. Januar meldete die aus Mossul stammende Umweltwissenschaftlerin Souad Al-Azzawi erschüttert den Tod ihres im ganzen Land geachteten Professors und Mentors Dr. Al-Layla, der mitsamt seiner Familie unter den Trümmern seines von US-Bomben zerstörten Hauses begraben wurde. Zwei Tage später wurden zwei Ärzte, Mitglieder der medizinischen Fakultät, und Familienangehörige zu weiteren Opfern der Luftangriffe der US-geführten Koalition. Auf der Webseite der britischen Initiative Airwars.org, die unter https://airwars.org/civilian-casualty-claims/ die ihr bekannt gewordenen Opfer des Luftkrieges der US-Koalition in Syrien und Irak auflistet, findet man viele weitere Fälle. Dem britischen Projekt „Iraq Body Count“ (IBC) zufolge, das seit 2003 die zivilen Opfer des Krieges im Irak zu dokumentieren sucht wurden seit Juni 2014 ca. 4450 Zivilisten im Irak durch die Bomben der von der Bundeswehr unterstützten Luftkriegs-Allianz getötet. Wie die IPPNW-Studie Studie „Body Count“ ‒ Opferzahlen nach 10 Jahren „Krieg gegen den Terror“ zeigt, kann IBC nur einen Bruchteil der Opfer erfassen und ist die Einteilung in Zivilisten und Kämpfer aus der Ferne generell fragwürdig. Wir müssen daher von einem Mehrfachen der vom IBC geschätzten Zahl ausgehen [mehr dazu in meinem Ossietzky-Artikel: Fortgesetzte Vertuschung – zivile Opfer im Luftkrieg der US-Allianz in Syrien und Irak].
Dr. Al-Azzawi schätzt auf Basis ihrer Recherche in arabischsprachigen Portalen die Gesamtzahl der Getöteten in der Provinz Ninive, deren Hauptstadt Mossul ist, vom Sommer 2014 bis Oktober 2016 auf ca. 45.000, darunter sowohl zivile Opfer von Luftangriffen als auch vom Daesch, sowie gefallene irakische Sicherheitskräfte und Daesch-Kämpfer.
Der Sturm Mossuls wird nicht nur die Zahl der Opfer drastisch erhöhen, die Stadt weitgehend unbewohnbar machen und die Zahl der Flüchtlinge um Hunderttausende vermehren, er wird auch die Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen weiter anheizen. Die Mehrheit der Bevölkerung, die 2014 die Vertreibung der als Besatzungstruppen empfunden Armee begrüßt hatte, betrachtet das Eindringen der überwiegend schiitischen und kurdischen Truppen und Milizen keineswegs als Befreiung. Zu Recht werden Racheaktionen vor allem von Seiten schiitischer Milizen aber auch regulärer Armee- und Polizeieinheiten befürchtet. Der Rückeroberung folgten vielerorts Plünderungen, Brandschatzung, Verschleppungen und Massaker ‒ auch während der Offensive auf Mossul. So berichtete Human Rights Watch am 16. Februar erneut von Plünderungen und Hauszerstörungen in fünf nahe Mossul liegenden Ortschaften.
Indem die Milizen der kurdischen Regionalregierung im Zuge des Zurückdrängens weitere Gebiete jenseits der Kurdischen Autonomen Region okkupiert sind auch hier spätere Auseinandersetzungen vorprogrammiert.
Statt eine weitere Stadt zu zerstören, um sie zu „befreien“, wie zuvor Ramadi und Falludscha, sollten die USA und ihre Verbündeten den Daesch bekämpfen, indem sie ihn lokal zu isolieren und vom Nachschub abzuschneiden suchen. Nötig wäre, eine effektive Schließung der Grenzen für seine Kämpfer durchzusetzen und den Zufluss von Geld, Waffen, Material an ihn zu unterbinden. Gleichzeitig müsste sie auch auf das Ende der sektiererischen Politik in Bagdad und einen Ausgleich der schiitisch dominierten Regierung mit den Sunniten drängen, die in ihm mehrheitlich noch das kleinere Übel sehen. Ihre berechtigten Forderungen, deren Ablehnung zu dem Aufstand führte, der dem Daesch erst seine Offensive ermöglichte, müssen endlich ernstgenommen werden. Ohne eine Verständigung mit der sunnitischen Bevölkerung, so vor wenigen Tagen auch Lahur Talabani, Chef des Geheimdiensts der irakisch-kurdischen Partei PUK und Neffe ihres Parteichefs Dschalal Talabani, wird der Krieg im Irak nicht zu Ende gehen.


Mehr dazu:
Jürgen Todenhöfer, Wie dumm darf Politik sein? Krieg züchtet Terror. Wann versteht Ihr das endlich?26.3.2017
Jürgen Todenhöfer berichtet auf seiner Facebook-Seite, von seinem jüngsten Besuch, gemeinsam mit seinem Sohn Freddy, in Mossul
Kampf um Mossul: „90 Prozent der Toten werden Zivilisten sein“
Bei der Befreiung der irakischen Stadt Mossul von der islamistischen Terrormiliz IS würden schlimmere Zerstörungen angerichtet als in Aleppo, sagte der Publizist Jürgen Todenhöfer im DLF (Audio hier).
Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit Tobias Armbrüster, Deutschlandfunk, 28.03.2017
Iraq: Civilians killed by airstrikes in their homes after they were told not to flee Mosul
“Evidence gathered on the ground in East Mosul points to an alarming pattern of US-led coalition airstrikes which have destroyed whole houses with entire families inside. “
Amnesty International , 28.3.2017
Mosul: Amnesty kritisiert US-Koalition und irakische Regierung scharf,
Die Offensive habe zu Hunderten von getöteten Zivilisten geführt, der kürzliche Angriff auf ein Haus sei „eine flagrante Verletzung des internationalen humanitären Rechts“
Florian Rötzer, Telepolis, 28.3.2017
Die Schlacht um Mossul (IV), Neue Berichte mehrerer Nichtregierungsorganisationen bestätigen die dramatische Zunahme ziviler Todesopfer durch Luftangriffe der Anti-IS-Koalition auf Mossul und Raqqa.
german-foreign-policy.com, 29.03.2017

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