Springer-Blätter sehen in Syrien plötzlich „mehr als nur eine Wahrheit“

Der Spiegel versucht im Heft 25/2012 vom 18.06.2012 die Recherche-Ergebnisse von FAZ-Journalisten Rainer Hermann und anderen Journalisten über Ablauf und Täter des Massakers von Hula (siehe Das Massaker von Hula – ein syrisches „Račak“?) zu entkräften.
In Taldu, der Ortschaft in der das Verbrechen verübt wurde, hätten ausschließlich Sunniten gelebt, heißt es dort. Die Taten seien von Männern in Uniform verübt worden, hätten Zeugen gegenüber der Menschrechtsorganisation Human Rights Watch erklärt. HRW schrieb in der Tat, dass dies ihnen “Überlebende” und “Lokale Aktivisten” erzählt hätten – ihre Version stützt sich damit einmal mehr nur auf Angaben von Regierungsgegnern.
Hermann begründet seine Darstellung hingegen mit einer Reihe unterschiedlicher Quellen, darunter gewaltfreie Oppositionelle und die Nonnen des nahegelegenen Klosters des Heiligen Jakob. Alfred Hackensberger hat dieses Kloster besucht und mit Zeugen gesprochen, die den in der FAZ geschilderten Tathergang bestätigten. (Zunächst in: In Syrien gibt es mehr als nur eine Wahrheit – Für das Massaker von Hula wird Syriens Regime verurteilt. Doch keiner wagt es, die syrischen Rebellen zu beschuldigen. Berliner Morgenpost, 23.06.12, und dann ausführlicher in: Das Grauen von Hula und seine Zeugen, Die Welt, 23.06.12)
Auch die Gesamtsituation in dem Gebiet spricht für Hackensberger gegen die herrschende Sicht.

Wer Taldu einmal gesehen hat, dem kommen Zweifel an den Berichten, nach denen mehrere Hundert Soldaten und Assad-Anhänger ohne Gegenwehr ins Dorf kamen. Hula ist seit Dezember 2011 in Rebellenhand. Taldu liegt auf freier Fläche, wo es kaum Möglichkeiten gibt, Deckung zu suchen. Das Dorf ist mit Maschinengewehren und Panzerfäusten leicht zu verteidigen. Die Armee würde Taldu gerne zurückerobern, hat es aber bisher nicht geschafft.
„Natürlich wissen viele Leute in Hula, was wirklich passiert ist“, sagt Dschibril. Doch alle fürchteten um ihr Leben. „Wer dort jetzt den Mund aufmacht, kann nur die Version der Rebellen wiedergeben. Alles andere ist der sichere Tod.“

In Ergänzung seines früheren Berichtes („Die Rebellen verhalten sich wie Kriminelle„) schildert er „weitere Berichte über konfessionelle Säuberungen und systematische Grausamkeiten der FSA, die das Gebiet seit Monaten beherrscht.“ Z.B. über die Vertreibungen der Bürger des strategischen wichtigen Grenzstadt Koser durch islamistische Kämpfer-

Khoury und sein Familie mussten die Koffer packen. Das gleiche Schicksal hätten auch die anderen 12.000 Christen in Koser erlitten, die bisher völlig friedlich mit über 30.000 Sunniten gelebt hätten. Wer sich weigerte seine Kinder in die FSA zuschicken, sei erschossen worden. 27 Menschen seien so gestorben.

Und immer wieder höre man von Grausamkeiten gegen Christen und Allawiten, so Hackensberger weiter

Ein Taxifahrer, der auch reguläre Soldaten von den Checkpoints nach Hause bringt, wird auf offener Strasse als Kollaborateur erschossen. Ein Priester wird überfallen und man ritzt ihm mit dem Messer ein Kreuz in die Kopfhaut.
Ein christlicher Gemüsehändler bekommt einen fingierten Anruf, Obst abzuholen und wird dann in seinem Auto auf offener Straße getötet. Es gibt eine lange Liste von Personen, die entführt und bis heute spurlos verschwunden sind. Nachdem die FSA Homs erobert hatte, wurden dort Christen vertrieben und Kirchen verwüstet.
Zwar ist es durchaus möglich, dass ihre angebliche Nähe zum Regime die Christen zur Zielscheibe macht, doch die Grausamkeit und die Systematik, mit der sie verfolgt werden, weist auf einen starken islamistischen Einfluss bei den Rebellen hin: Ein sunnitischer Zeuge aus Homs will beobachtet haben, wie eine bewaffnete Gruppe von Maskierten einen Bus stoppte.
„Die Insassen wurden nach Religion in zwei Gruppen geteilt. Auf die eine Seite Sunniten, auf die andere Seite Alawiten.“ Danach habe man den neun Alawiten den Kopf abgeschnitten. Ein Mordritual, das normalerweise nur extremistische Islamisten anwenden. Es könnte diese Grausamkeit sein, die das Vorgehen der Rebellen auch andernorts zunehmend prägt. Das könnte auch in Hula passiert sein

Ob es das Unbehagen über den islamistischen Charakter der „Rebellen“ ist, das die Springermedien umtreibt oder die Sorge, dass für die deutsche Großmacht bei der aktuellen Entwicklung in Syrien nichts zu gewinnen ist, sei dahingestellt. Hackensbergers Darstellung decken sich vollständig mit den Berichten von Kirchenleuten aus Syrien, die teilweise über den katholischen Fidesdienst auch auf Deutsch verbreitet werden, jedoch kaum den Weg in die Medien finden.
Für die taz, Teil der Initiative „Adopt a Revolution“, existiert dies alles nicht. Kürzlich ließ sie z.B. nochmal den Mitbegründer des umstrittenen Patenschaft-Projektes, Elias Perabo ausgiebig die Sichtweise der Betreiber darlegen. Wer dies liest, kommt zum Schluss, dass es wohl zwei Länder mit dem Namen „Syrien“ geben muss. In dem der taz geht es verhältnismäßig rosig zu. Da haben fortschrittliche Kräfte fast schon die Oberhand.
„Aber ja, es gibt auch weiter bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Rebellen und offiziellen Sicherheitskräften“ räumt Perabo auch für sein Syrien ein. „Doch zahlenmäßig sind sie im Verhältnis zur Masse der zivilen Aktionen eine Randerscheinung.“ (Hinsehen statt zusehen – Debatte in Deutschland läuft völlig falsch, taz, 17.06.2012).

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