Iraker machen Bagdads Politiker für neue Bombenanschläge verantwortlich

Da auch diesmal beide, mit großen Mengen Sprengstoff beladenen Fahrzeuge ungehindert ihren Weg durch mehrere Checkpoints vor die Regierungsgebäude fanden, liegt auch hier der Verdacht der tatkräftigen Mithilfe aus dem Innersten des Sicherheitsapparates und/oder der Besatzungstruppen nahe.
Angeblich hat sich nun „Al-Qaida im Irak“ sich zu den Anschlägen bekannt. Dies kann stimmen oder auch nicht. Die Echtheit des Schreibens konnte, so die Washington Post, nicht von unabhängiger Seite verifiziert werden. Viele Experten halten die zugehörigen Gruppen für nicht mehr sehr schlagfähig.
Wirklich erfahren werden wir es wohl kaum: auch die Hintergründe dieser Anschläge werden, wie die der Vorgänger, mangels glaubwürdiger, unabhängiger Untersuchung im Dunkeln bleiben. Es ist nicht einmal sicher ob es wirklich Selbstmordattentäter waren. Dies wird fast nur – evtl. gewohnheitsmäßig – in westlichen Medien behauptet.
Es ist Unsinn, wenn die jüngsten Bomben mit dem Teilabzug der US-Truppen aus den Städten in Verbindung gebracht wird. Solche Anschläge gab es auch zuvor. Die Tatsache, dass zweimal innerhalb kurzer Zeit schwere Bomben direkt ins strengbewachte Zentrum vor zentrale Regierungsgebäude gebracht werden konnte, zeigt schlicht, dass solange der Kriegszustand anhält, auch kilometerlange Mauern, massivste Sperranlagen und unzählige Checkpoints verheerende Angriffe auf die Zentren der Macht nicht verhindern können. Sie machen dafür jedoch das Leben in der Stad unerträglich. Selbst die Rettungskräfte kamen aufgrund der unzähligen Sperranlagen erst viel zu spät zum Anschlagsort.
Dem Exil-irakischen Soziologen Sami Ramadani stößt es bitter auf, dass es der Irak nur noch dann in die Schlagzeilen schafft, wenn es eine größere Explosion mit Hunderten Toten und Verletzten gibt. Dabei sei das Blutbad vom Sontag „nur eine weitere entsetzliche Erinnerung daran, dass die irakische Bevölkerung noch immer mit ihrem Blut für die US-geführte Invasion und die Besatzung ihres Landes bezahlen müssen.“ Nur weil aktuell weniger US-Soldaten im Irak sterben als in Afghanistan konzentriere sich jetzt die Medienaufmerksamkeit auf den Hindukusch und werde der Eindruck erweckt, im Irak hätte sich auch sonst alles verbessert. Dabei verminderten die USA allein dadurch ihre Verluste, weil sie viel mehr irakische Truppen in den Kampf schicken. Wenn man aber versuchen würde Irakern, die nicht Teil der herrschenden Zirkel sind, zu erzählen, habe sich verbessert, so würden sie auf das Elend der Millionen Witwen, Waisen und Flüchtlinge hinweisen, das Fehlen von Trinkwasser, Strom, Lebensmittel, Gesundheitsversorgung etc. und an das durch und durch korrupte poltische System das die Besatzer geschaffen haben. (Carnage and corruption in Iraq, Ignored by the west, Iraqis continue to suffer as the US’s ‚exit strategy‘ begins to unravel, Guardian, 25.10.2009)
Ähnlich argumentiert auch Martina Doering am 27.10. in der Berliner Zeitung in einen intelligenten Kommentar, Not und Chaos im Irak

Für die Regierungselite und die US-Besatzer, die weniger Opfer zu beklagen haben, mag sich die Lage tatsächlich verbessert haben. Für den irakischen Normalbürger hat sich wenig geändert: Es gibt kaum Strom und kein sauberes Trinkwasser; die Arbeitslosenrate liegt bei 50 Prozent; das Gesundheits- und Bildungswesen ist marode; täglich werden Dutzende Kinder von Kriminellen entführt.
Zu allem kommt die ausufernde Korruption – angefangen bei Spitzenpolitikern in den Ministerien, die Millionen stehlen bis hin zum kleinen Beamten oder Arzt, der Bestechungen einsackt. Soziale Missstände und Not, andauernde Fremdbesatzung und einheimische Politiker, die nur für sich sorgen: Das sind die Gründe dafür, dass die Lage instabil und alles beim Alten bleibt – im Irak wie in Afghanistan.

Haifa Straße
Die beiden betroffenen Gebäude liegen an der Haifa Straße, in der in den Jahren zuvor die US-Luftwaffe – nur wenige hundert Meter weiter nördlich – bei Angriffen der US-Truppen gegen Besatzungsgegner zahlreiche Gebäude des einst wohlhabenden Geschäftsviertel in Schutt und Asche gelegt haben. (s. Krieg in der Haifastraße)
Neben Apache-Hubschrauber und F15-Kampfjets waren hier, über der Innenstand auch B1b Lancer-Bomber zum Einsatz gekommen. Ein „embedded“ Journalisten war mal dabei, wie ein solcher Langstreckenbomber, der über die größte Bomben-Ladekapazität der US-Luftwaffe verfügt (25 Tonnen), im Laufe solcher „Straßenkämpfe“ volle 10 Stunden in der Luft war, 25 Ziele bombardierte und dabei allein „Tausende Pfund Sprengstoff“ abgeworfen – da können Attentäter, wie die vom Sonntag längst nicht mithalten.( Nick Turse, America’s Secret Air War in Iraq, Tomdispatch.com, 7.2.2007)
Die Zahl der Opfer der US-Angriffe in der Haifa Street gingen sicherlich in die Hunderte – Schlagzeilen machte das nie.


Einige Pressestimmen:
Iraqis mourn, blame politics for Baghdad blasts, Reuters, 26.10.2009:

The Iraqi government blamed the bloodiest bombings in years on al Qaeda and other extremists, but many ordinary Iraqis think political infighting before next year’s election is the cause and fear worse is yet to come.

The blood of Iraqis is very cheap and I ask, how many victims will it take to convince the government that it has totally failed?“ Hameed Salam, a former army officer now driving a taxi cab, shouted in a traffic jam on Monday.

Governor blames security forces for Baghdad carnage, AFP, 26.10.2009

Baghdad’s governor on Monday blamed negligence or even collusion by the security forces for devastating twin suicide bombings that killed around 100 people in the heart of the capital.
Governor Salah Abdul Razzaq said his office had video footage showing the vehicles which exploded on Sunday, Iraq’s deadliest day in more than two years.

Baghdad bombings: Iraqis at the scene blame political parties, Christian Science Monitor, 25.10.2009:

„This is all from the political parties – they want to gain seats in the election,“ said Abbas Fadhil, a street vendor who arrived on the scene moments after the explosion.
… Everybody knows it’s the political parties behind this trying to gain power,“ he said. Mr. Mohammad, a plumber
… „There had to be someone with official backing behind this – how could they get through the checkpoints?“ said Um Ali,

Outrage follows Baghdad bombings, Sydney Morning Herald, October 27, 2009

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