Bomben in Bagdad

Tatortbesichtigung – irakische Sicherheitskräfte am
Tatortbesichtigung – irakische Sicherheitskräfte am Montag vor dem zerstörten Außenministerium
Foto: AP

Die Bombenattentate auf das Finanz- und das Außenministerium in Bagdad mit mehr als 100 Toten und 600 Verletzten am 19. August bilden den (vorläufigen) Höhepunkt einer koordinierten Anschlagsserie im Zentrum der irakischen Hauptstadt. Den Attentätern war es gelungen, zwei LKW, beladen mit jeweils ein bis zwei Tonnen Sprengstoff, durch die Checkpoints der Hochsicherheitszonen zu fahren und vor den Gebäude detonieren zu lassen. Noch bevor der Staub der Explosionen sich zu legen begann, machten die USA und die von ihnen gestützte irakische Regierung Nuri Al-Malikis eine »Allianz von Baathisten und Al-Qaida« dafür verantwortlich, womit in der Regel der gesamte sunnitische Widerstand gemeint ist. Nur wenige Stunden nach den Anschuldigungen verhaftete die irakische Armee zehn bekannte frühere Baath-Mitglieder, die angeblich »direkt in Planung und Durchführung« verwickelt gewesen seien. Bis dato haben sich solche raschen Vorhaltungen stets als haltlos erwiesen, wie auch die Los Angeles Times schrieb. Diesmal schob die Regierung jedoch nach und führte im Fernsehen einen ehemaligen Polizeichef und Baath-Funktionär vor, der aussagte, einen der Anschläge koordiniert zu haben. Solche fragwürdigen öffentlichen Geständnisse sind im Folterland Irak indes eine seit langem gängige Praxis.
Mit der Wahrheit dürfte die Selbstbezichtigung wenig zu tun haben. Zum einen kann aufgrund der tiefen Feindschaft zwischen den sunnitischen Fanatikern und der säkularen Baath-Partei eine Zusammenarbeit ausgeschlossen werden. Zum anderen ist eine Beteiligung nationalistischer Widerstands­organisationen an Anschlägen, die vorrangig die Zivilbevölkerung treffen, generell unwahrscheinlich.
Auch wenn viele Beobachter hierin das Motiv sehen: Der Widerstand hat kein Interesse, zu demonstrieren, wie verwundbar die irakischen Sicherheitskräfte nach dem – recht unvollständigen – Rückzug der US-Truppen aus den irakischen Städten sind und so einen Vorwand für deren Rückkehr zu schaffen. Alle drei großen Widerstandsfronten, inklusive die von der Baath-Partei geführte, haben deutlich gemacht, daß sie ihre Aktionen allein auf die Besatzer konzentrieren und das Vergießen irakischen Blutes so weit wie möglich vermeiden wollen. Ihr Ziel ist es, die Kosten der Präsenz für die Besatzungstruppen möglichst hochzuhalten. Die auf den Webseiten der Gruppen akribisch aufgeführten Aktionen bestätigen dies. Während Angriffe auf irakische Soldaten, die an der Seite der US-Truppen kämpfen, oder auch Angehörige gegnerischer Milizen zum Kampf gegen die Besatzung zählen, sind es Anschläge auf staatliche Institutionen nicht. Die dem sunnitischen Widerstand nahestehende und oft als politisches Sprachrohr fungierende Vereinigung der islamischen Gelehrten (Association of Muslim Scholars Iraq – AMSI) hat die Anschläge vom 19. August daher auch scharf verurteilt.
Andere Kräfte haben ein weit größeres Interesse an einer Demonstration der Schwäche und Verwundbarkeit der von Al-Maliki geführten Regierung und Armee. Viele irakische Politiker und Medien vermuten daher einen »Insiderjob« und deuten dabei auf die internen Rivalen Al-Malikis, allen voran seinen schiitischen Koalitionspartner Oberste Islamischer Rat (ISCI) und die Bewegung Muqtada Al-Sadrs. Auch der irakische Außenminister Hoshyar Zebari von der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP) vermutet, daß die Attentäter zumindest massive Unterstützung aus dem Sicherheitsapparat erhalten haben.
Doch die Kurdenparteien könnten ebenfalls von den Bomben profitieren. Angesichts der starken Spannungen zwischen ihnen und Al-Maliki sowie den heftigen Konflikten zwischen arabischen und kurdischen Kräften im Norden Iraks haben sie ein sehr starkes Interesse daran, daß die US-Truppen möglichst zahlreich im Land bleiben.
Da für die Al-Qaida-nahen Gruppen der Irak vor allem ein Schlachtfeld im internationalen Kampf für ihre radikal-islamischen Ziele ist, kommen auch sie als Täter durchaus in Frage. Ihr Ziel ist die Destabilisierung. Die US-Truppen, die im Irak gebunden bleiben, kann Washington immerhin nicht in Afghanistan einsetzen. Zahlreiche islamistischen Webseiten feierten denn auch die Anschläge als Erfolg ihrer Reihen. Die Detonationen seien »aus Gottes Gnade« erfolgt und hätten Bagdad ins Herz getroffen, ließ am Dienstag die Gruppe »Islamischer Staat des Irak« via Internet verlauten. Über die tatsächliche Urheberschaft sagt das indes wenig aus. Trittbrettfahrerei gehört zur Tagesordnung.
Viele Experten trauen islamistischen Gruppen eine solch koordinierte Aktion in Bagdad nicht mehr zu. Ihr Operationsradius war massiv eingeschränkt worden, nachdem sunnitische Stammesmilizen, die sogenannten Al-Sahwa oder Awakening-Räte, von den USA ins Feld geführt worden waren. Die zunehmende Zahl von Terroranschlägen auf schiitische Menschenansammlungen in den vergangenen Wochen deutet allerdings auf ein neuerliches Erstarken dieser Gruppen hin.
Der Grund für die Zunahme solcher Terrorattacken ist jedoch nicht, wie westliche Medien argwöhnen, der Rückzug der meisten US-Einheiten aus den Städten in außenliegende Basen. Die Besatzungstruppen waren auch zuvor nie in der Lage gewesen, solche Anschläge zu verhindern. Verantwortlich ist vielmehr das Auseinanderfallen vieler Al-Sahwa-Milizen aufgrund der Auseinandersetzungen mit der Regierung. Nach dem Ausbleiben ihres Soldes sowie der Ermordung und Verhaftung zahlreicher ihrer Führer haben viele ihre Posten verlassen.
Unabhängig davon, wer letztlich hinter den jüngsten Anschlägen steht – die Mehrheit der Iraker macht zurecht die USA und ihre Regierung, d.h. das Besatzungsregime, für die nicht endende Serie der Gewalt verantwortlich.

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