Bericht von US-Medizinern aus Gaza – detaillierte Zahlen zu Opfern – insges. fast 120.000 Tote

Offener Brief medizinischer Fachkräfte, die Gaza im Einsatzt waren. „Aktuelle Zahl der Todesopfer mindestens 118.908“

99 US-amerikanischer Ärzte und medizinische Fachkräfte, die seit dem 7. Oktober 2023 in Gaza im Einsatz waren, wandten sich in einem offenen Brief an US-Präsident Biden und Vize-Präsidentin Harris indem sie ihre Erfahrungen und direkten Beobachtungen schildern. Sie gehören zu den einzigen neutralen BeobachterInnen, die seit dem 7. Oktober in den Gaza-Streifen einreisen durften.

Open letter from american medical professionals who served in gaza
Letter to President Biden and Vice President Harris
Die palästinensische Botschaft in Wien hat ihn übersetzt:
Offener Brief von 99 US-amerikanischen GesundheitsmitarbeiterInnen, die bei Hilfsmissionen in Gaza im Einsatz waren

Dem Brief ist ein ausführlicher Anhang beigefügt, in dem die öffentlich zugänglichen Informationen aus Medien, humanitären und akademischen Quellen zu den wichtigsten Aspekten der israelischen Invasion in Gaza zusammengefasst sind.
American physicians observations from the Gaza Strip since October 7, 2023
Appendix to letter of October 2, 2024

Darin weisen sie nach, dass die Zahl der Todesopfer in Gaza seit Oktober weitaus höher ist, als allgemein angenommen wird. Zu den registrierten Opfer militärischer Gewalt (ca. 42.000), kommen noch ca. 10.000 weitere, die unter Trümmern begraben liegen, Todesfälle aufgrund von Unterernährung (62.413), Seuchen und Wegfall der Gesundheitsversorgung bei chronischen Krankheiten und Krebserkrankungen.

Anhand ihrer sorgfältig ermittelten Daten schätzen sie, dass die Zahl der Todesopfer durch Krieg und Blockade seit dem 7. Oktober – konservativ geschätzt – bei fast 120.000 liegt.

Sie kommen zum Schluss:

Es ist unmöglich, genau zu schätzen, wie viele Palästinenser in Gaza seit dem 7. Oktober gestorben sind. Wie die oben genannten Beweise deutlich machen, liegt die Zahl weit, weit über den 41.495, die bis zum 25. September 2024 durch militärische Gewalt getötet wurden. 

Mit den bekannten gewaltsamen Todesfällen, den schätzungsweise zehntausend Menschen, die unter den Trümmern begraben wurden und mit Sicherheit tot sind, einer konservativen Schätzung von 62.413 Todesfällen durch Unterernährung und Krankheiten und einer konservativen Schätzung von 5.000 Todesfällen bei Patienten mit chronischen Krankheiten, schätzen wir, dass die aktuelle Zahl der Todesopfer mindestens 118.908 beträgt, was in etwa mit den oben genannten Schätzungen [von Wissenschaftler des Johns Hopkins Center for Humanitarian Health und der London School of Hygiene and Tropical Medicine] übereinstimmt. 

Dies entspricht schockierenden 5,4 % aller Menschen im Gazastreifen. Dies sind die konservativsten Schätzungen der Todesopfer, die mit den zum 30. September 2024 verfügbaren Daten möglich sind. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer in Gaza durch diesen Konflikt weit über dieser konservativsten Schätzung liegt. Ohne einen sofortigen Waffenstillstand wird die Zahl der Todesopfer weiter steigen, insbesondere bei kleinen Kindern.

Die Studie, auf die die US-Mediziner oben verweisen,  wurde im Februar 2024 durchgeführt und schätzte, mit wieviel Toten im August bei unterschiedlichen Szenarien zu rechnen ist: „Waffenstillstand“, „Status Quo“ und „Eskalation“. Es war ein gemeinsames Projekt des Johns Hopkins Center for Humanitarian Health und der London School of Hygiene and Tropical Medicine:

Crisis in Gaza: Scenario-based Health Impact Projections
Report One: 7 February to 6 August 2024
, 19. Februar 2024
Die Autoren schätzten, dass man im Falle einer weiteren Eskalation in Gaza damit rechnen muss, dass die Zahl der direkten (durch traumatische Verletzungen) und indirekte Toten (durch Infektionskrankheiten, Epidemien …)  auf 85.750. steigen würde.

Wichtig in dem Zusammenhang ist auch die Widerlegung der Behauptung, die Todeszahlen vom Gesundheitsministerium in Gaza seien übertrieben. Die US-Mediziner zitieren in ihrer Anlage einige Studien dazu, die jüngste ist aus The Lancet:

No evidence of inflated mortality reporting from the Gaza Ministry of Health, The Lancet, 6. Januar 2024

Ergänzend dazu ein Interview von Amy Goodman mit einer Ärztin, die im Libanon arbeitet und zuvor in Gaza:
“Death Is Everywhere”: Doctor Who Volunteered in Gaza and Lebanon Condemns Israeli Attacks on Hospitals
Democracy Now!, 11.10.2024

Während das israelische Militär seine Angriffe auf Gaza und den Libanon fortsetzt, bei denen unter anderem Krankenhäuser und Krankenwagen angegriffen und medizinisches Personal getötet wurde, sprechen wir mit einer Ärztin, die derzeit als Freiwillige in Beirut tätig ist. Dr. Bing Li ist Notfallmedizinerin und Veteranin der US-Armee, die sich Anfang des Jahres auch als Freiwillige im Indonesian Hospital im Norden von Gaza engagiert hat. Li berichtet von ihren Erfahrungen in Gaza, wo „es sich anfühlt, als wäre der Tod überall“, und warnt davor, dass die jüngste erzwungene Evakuierung des Kamal-Adwan-Krankenhauses in Beit Lahia durch Israel „im Grunde ein Todesurteil“ für die Patienten ist, darunter auch für die Kinder auf der Intensivstation des Krankenhauses.

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